Verleihung der Stadtmedaille an Prof. Dr. Ludolf von Mackensen

21. Oktober 2003


Sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen,
liebe Gäste,
meine Damen und Herren,

im Namen der documenta-Stadt Kassel, des Magistrates, und auch im Namen der anwesenden Stadtverordnetenvorsteherin Frau Schmarsow darf ich Sie ganz herzlich hier im Palais Bellevue willkommen heißen.

Im Mittelpunkt stehen heute die Verdienste eines Mannes, der seinen Namen in besonderer Weise mit dem Museum für Astronomie und Technikgeschichte und überhaupt mit der Kultur in Kassel verbunden hat. Sie alle wissen, wen ich meine: Vielen Dank, sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen, dass Sie heute mit zahlreichen Bekannten und Wegbegleitern gekommen sind, um in diesem Rahmen diese Feierstunde zu begehen. Auch der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung sind stark vertreten. Aus dem Magistrat sind anwesend Herr Stadtbaurat Streitberger sowie die Stadträtinnen und Stadträte Frau von Both, Frau Diegel, Frau Mahrt, Herr Barroso, Herr Sandrock und Herr Dr. Walter. Die Stadtverordnetenversammlung neben der Vorsteherin Frau Schmarsow auch vertreten durch den Stadtverordneten Herrn Kieselbach. Außerdem begrüße ich den früheren Landtagsabgeordneten Herrn Lengemann sowie der Ortsvorsteher von Bad Wilhelmshöhe, Herr Döring, unter uns. Sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen, Kassel hat ja eine großartige Tradition als Stadt der Astronomie. Schon 1560 richtete Landgraf Wilhelm IV auf seinem Schloss in Kassel eine Beobachtungsstätte für den Himmel ein. Es war in Europa die erste fest eingerichtete Sternwarte der Neuzeit. Wilhelm IV. hat in seiner Regierungszeit 58 Sterne neu vermessen, die zusammen mit 974 anderen Sternen in das sogenannte Hessische Sternenverzeichniseingetragen wurden. Seine Methode, die genaue Zeitmessung zur Positionsbestimmung zu nutzen, ist bis heute für die Astronomie unverzichtbar. Diese Tradition muss in Kassel natürlich gepflegt und lebendig erhalten werden.

Die Orangerie mit dem neu aufgebauten Museum für Astronomie und Technikgeschichte sowie dem Planetarium steht nun dafür, dass dies in unserer Stadt geschieht. Das dies gelungen ist, können Sie sich – sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen - als sichtbare Zeichen Ihres Wirkens in unserer Region auch ganz persönlich zugute halten. Sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen, 1975 kamen Sie nach siebenjähriger Tätigkeit beim deutschen Museum in München als Leiter des damaligen astronomisch-physikalischen Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen nach Kassel. Sie haben schnell Ihre Museumstätigkeit in einen weiten regionalen und historischen Zusammenhang gestellt. Ihre erste Veröffentlichung vom September 1975 in unserer damaligen Kulturzeitschrift trug den Titel „Noch fliegen drei Störche – Kulturdenkmale aus Kassel und wer sich um sie kümmert.“ Gekümmert haben Sie zunächst vor allem Sie selbst darum. Und dabei ist es Ihnen durch Ihre überzeugende und beharrliche Art gelungen, die Unterstützung nicht allein Ihres vorgesetzten Direktors, sondern auch der zuständigen Stellen der Stadt zu erhalten, die ja damals noch kein eigenes Stadtmuseum besaß. Ein erster aufsehenerregender Erfolg war 1976 auf Ihre Initiative zurückzuführen: Damals wurde der letzte in Deutschland noch fliegende, aus Schweden zurückgekehrte Fieseler Storch für Kassel erworben. Er steht heute in der Eingangshalle des Museums für Astronomie und Technikgeschichte und ist eine seiner beeindruckendsten Attraktionen.

Ebenfalls 1976 veranstalteten Sie im Hessischen Landesmuseum Teile der ökologischen Alternativen-Ausstellung „Umdenken – umschwenken“, die die damals noch junge Universität nach Kassel geholt hatte. Unter anderem sprach damals der Wissenschaftler und Schriftsteller Robert Jungk, und all das trug dazu bei, Kassel als Vorreiter-Stadt in der Umweltpolitik einen Namen zu machen. Dies war nur einer der vielen Berührungspunkt mit der Universität, an der Sie auch Honorarprofessor für Physikgeschichte wurden. Ich darf in diesem Zusammenhang den Präsidenten der Universität Kassel, Sie, sehr geehrter Herr Prof. Postlep, ganz herzlich unter uns willkommen heißen. Sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen, konsequent haben Sie in der Folgezeit Ihre Verantwortung für das astronomisch-physikalische Kabinett mit der neuen Abteilung für Technikgeschichte genutzt, um eine Ergänzung und Weiterentwicklung zu schaffen. 1979 konnten Sie mit Hilfe eines Stifters und der Firma Thyssen-Henschel die erste Henschel-Elektrolok von 1905 für das Museum aus der damaligen DDR erwerben. Sie stand bis zu Ihrer Pensionierung Ende Juni 2003 im Hof des Hessischen Landesmuseums. Weiterhin entstand 1979 Ihre erste größere Ausstellung mit Begleitbuch unter dem Titel „Die erste Sternwarte Europas mit Ihrem Instrumenten“, die Sie teilweise funktionstüchtig rekonstruierten und in den Werkstätten des Museums wiederherstellten. Das Buch erlebte drei überarbeitete Auflagen, die vierte wird sehnsüchtig erwartet. In der Folgezeit gab es eine ganze Reihe von Ausstellungen, Rekonstruktionen und Forschungspublikationen unter Ihrer Verantwortung. Erwähnen möchte ich hierbei nur die Ausstellung zu Carl Anthon Henschel 1985, über 300 Jahre Denis Papin 1988 sowie über die Geschichte der Feinmechanik in Kassel 1987 in Verbindung mit 225 Jahren Firma Breithaupt, von der ich Sie, sehr geehrter Herr Breithaupt, ganz herzlich begrüßen darf.

Sehr geehrter Herr von Mackensen, Danach erfolgte eine ganz entscheidende Weichenstellung. Die damalige Landesregierung unter Ministerpräsident Walter Wallmann und Wissenschaftsminister Wolfgang Gerhard entschied, dass die Orangerie in der Karlsaue endgültig Domizil der naturwissenschaftlich-technischen Sammlungen wurde. Sie, sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen, erstellten ein Konzept für das neue Museum und wurden offizieller Baubeauftragter der damaligen staatlichen Kunstsammlungen. Der 30. April 1992 war dann der Tag, den Sie selbst als den wohl größten in Ihrem Wirken bezeichnet haben. Damals wurde das Museum für Astronomie und Technikgeschichte mit Planetarium in der Kasseler Orangerie eröffnet. Das innen umgebaute Gebäude und die kostbare, didaktisch lebendige Präsentation bildeten eine ideal Einheit. Diese Einheit führt die Besucher eindrucksvoll durch die wissenschaftlichen und technischen Schwerpunkte Kassels und der Region von fünf Jahrhunderten. Aus dem – man darf es ruhig einmal so sagen - Mauerblümchendasein des Kabinetts im Landesmuseum war damit eines der attraktivsten Museen in Kassel mit dem ersten staatlichen Planetarium in Hessen geworden. 70.000 Besucherinnen und Besucher wurden bereits im ersten Jahr gezählt, und bis heute sind es über 600.000 – also fast die Besucherzahl der documenta 2002 – die dieses Museum selbst in Augenschein genommen haben. 1996 konnten Sie mit Unterstützung des Rotary-Clubs Kassel-Wilhelmshöhe den Planetenwanderweg Karlsaue als zusätzliche Attraktion einrichten. Park und Museum, Natur und Kultur sind damit auf eine einzigartige Weise miteinander verknüpft worden. Ihr berufliches Wirken hat Sie voll ausgefüllt.

Dennoch haben Sie auch noch Zeit gehabt für zwei große ehrenamtlichen Aufgaben, die ich hier noch erwähnen möchte. Besonders zu nennen ist hierbei das Amt des Vorsitzender der großen Goethe-Gesellschaft Kassel. Sie haben hierbei die verantwortliche Leitung gehabt und mit Ihrer großen Kompetenz dazu beigetragen, die Goethe-Gesellschaft Kassel auch bundesweit wissenschaftlich bekannt zu machen. Sie haben nicht allein bedeutende Tagungen in Kassel organisiert, sondern auch die Jahresgaben im Wenderoth-Verlag hinausgegeben. In diesem Zusammenhang darf ich Ihre Vorgängerin als Vorsitzende und Wappenringträgerin der Stadt Kassel, Sie, sehr geehrte Frau Hartleb, sehr herzlich willkommen heißen. Außerdem waren Sie von 1988 bis 1991 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Geschichte, der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Auch in dieser Funktion haben Sie sich mit Ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten eingebracht. Sehr geehrter Herr Prof. von Mackensen, nach dem Eintritt in den Ruhestand können Sie auf 28-einhalb Jahre Einsatz für Kassel zurückblicken, der sich sichtbar gelohnt hat. Und das gilt nicht allein für die Museumslandschaft und für die Freunde von Technik und Kultur. Vielmehr hat Kassel insgesamt gewonnen durch Ihre große Aktivität. Dafür soll Ihnen heute in besonderer Weise die Anerkennung und die Wertschätzung unserer Stadt gesagt werden. Als Zeichen des Dankes und des Respekts vor Ihrer Lebensleistung darf ich Ihnen heute die Stadtmedaille der Stadt Kassel verleihen. Sie würdigt Ihren weit über das normale Maß hinausgehenden Einsatz für Kassel im Rahmen Ihrer beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit. Wer das Museum für Astronomie und Technikgeschichte sieht, der soll wissen, dass dies zum großen Teil auf Ihren persönlichen Beitrag zurückzuführen ist. Und wenn Kassel auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2010 ist, so haben auch Sie einen Anteil daran. Vielen Dank im Namen der Stadt Kassel. Und herzliche Gratulation zu dieser Auszeichnung.


Veröffentlicht am:   26. 02. 2010  


Service

Social Media