Ein Großer der deutschen Demokratiegeschichte – Philipp Scheidemann

(Vortrag von Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, auf der Festveranstaltung der Stadt Kassel zum 150. Geburtstag Philipp Scheidemanns am 24. Juli 2015 im Rathaus in Kassel (es gilt das gesprochene Wort. Nicht zitierfähig):

„Die Nacht zum 9. November war schlaflos gewesen, sie kam mir endlos vor.“ Mit diesen Worten beginnt Philipp Scheidemann das Kapitel seiner 1928 veröffentlichten Memoiren über den 9. November 1918, dem Tag, an dem er Geschichte schreiben sollte. Es ist der Tag, an dem das wilhelminische Kaiserreich endgültig zusammenbricht, zerschellt an der Revolution.

Es ist das fünfte Kriegsjahr. Die Massen sind kriegsmüde. Der Ruf nach Frieden, Freiheit und Brot erschallt durch das Reich. Die von den Matrosen der Kriegsmarine in den Seehä-fen ausgehende revolutionäre Welle spült in Windeseile die fürstlichen Kronen fort – oh-ne große Gegenwehr. Die Revolution erreicht am 9. November Berlin. Am Morgen ver-kündet die SPD den Generalstreik, Scheidemann tritt nach knapp fünf Wochen von seinem Posten als Minister zurück. Die SPD erneuert ihre Forderung nach Rücktritt des Kaisers und nach Regierungsübernahme durch die SPD, und zwar „gründlich und restlos“. An diesem entscheidungsschwangeren Tag kommt es gegen 14 Uhr vor dem Reichstag zu einem historischen Ereignis. Der Hauptbeteiligte, Scheidemann, schildert diesen Moment in Dramatik.

Ebenso wie es kein Foto von der Ausrufung der Republik gibt – das zumeist gezeigte stammt vom Mai 1919, wo Scheidemann vom Fenster der Reichskanzlei spricht –, so gibt es auch keine Aufnahme von der Ausrufung der Republik. Die Aufnahme entstand ver-mutlich Anfang 1920 im Aufnahmeraum der „Lautabteilung an der Preußischen Staatsbib-liothek“ für eine „Stimmensammlung“. Auch andere Politiker haben so wichtige Reden für die Nachwelt nachgesprochen. Von Scheidemanns Ausrufung der Republik gibt es aber keine stenografische Mitschrift, so dass der Inhalt nicht exakt überliefert ist. Was er wirk-lich sagte, darüber streiten sich die Historiker. Das gab Scheidemann im Tonstudio die Möglichkeit so zu reden, wie er meinte, geredet zu haben. Es gab ihm zudem die Chance, seinem Naturell entsprechend die Dramatik der Stunde zu erhöhen. Ob es sich so tatsäch-lich abgespielt hat, ob tatsächlich die Massen um die Mittagszeit vor dem Reichstag sich scharen oder ob nur ein versprengtes Häuflein einiger Hundert, wie Zeitgenossen sich erinnern, ob sie „Philipp Du musst ans Fenster“ skandierten, sei dahingestellt. Egal wie es abgelaufen ist. Es schmälert die Tat Scheidemanns nicht.

Der Mann, der sich hier an seine als historisch einzustufende Tat erinnert, ist kurz vorzu-stellen. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: Seine Memoiren von 1928 beginnt er mit der eigenen Geburt: „Wenn ich am 26. Juli 1865, als ich das Licht der Welt erblickte, der ganzen Umgebung wegen, mich sofort totgelacht hätte, so wäre das vielleicht das Gescheiteste gewesen. Mancher spätere Verdruss wäre mir vielleicht erspart geblieben. Aber ich hatte wohl Verständnis für die Komik meiner Umwelt, strampelte lausbübisch mit den Beinen und schrie, die Fäuste geballt, aus Leibeskräften, meiner Umgebung leider unverständlich, tagelang unermüdlich.“

Solch eigenwilliger Einstieg in Memoiren offenbart einen eigenwilligen Kopf. Und das war er, sollte er werden, ein Mann mit Ecken und Kanten, mitunter auch mit nordhessischer Sturheit. Seine Wiege stand in der engen Michelsgasse. Hier wurde er als Sohn des selbständigen Tapezierers und Polsterers Friedrich Scheidemann und seiner Ehefrau Wilhelmine geboren: Er war – wie Scheidemann sein Grußwort zum SPD-Parteitag 1920 in Kassel in der ihm ureigenen launig-unterhaltsamen Art begann – „ein Kind dieser Stadt, geboren in ihrem ältesten und für mich schönsten Teile, da, wo die obersten Stockwerke der Häuser sich so nahe kommen, dass die Nachbarn sich fast die Hände reichen können. Ich kenne diese Stadt und ich liebe sie. […] Hier lernte ich nicht nur laufen und raufen; hier lernte ich nicht nur lesen und schreiben, hier vernahm ich auch die erste Lehre von dem demokratischen Sozialismus, der die Völker der Welt befreien soll.“

Die umsorgte Kindheit war jedoch zu Ende, als sein Vater arbeitsunfähig wurde und 1879 starb. So musste der junge Philipp die Höhere Bürgerschule mit 13 Jahren verlassen, um den Unterhalt der Familie zu sichern. Politisch fand Scheidemann früh den Weg in die sozialdemokratische Partei, der er 1883 – gerade mal 18-jährig – beitrat. Der gelernte Schriftsetzer verließ im 1884 die Heimat zur Wanderschaft, kehrte 1886 zur Regelung seiner Ausmusterung zurück, um dann wieder im September 1888 für längere Zeit zu gehen. Er kam nach Marburg, wo er 1889 Johanna Dibbern heiratete, mit der er drei Töchter Lina, Luise und Hedwig hatte. Bereits in Marburg profilierte er sich als sozialdemokratischer Multifunktionär. Er rief noch während des Sozialistengesetzes, mit dem Bismarck vergeblich die Sozialdemokratie niederhalten wollte, einen Ortsverein unter dem Tarnnamen „Gemütlichkeit“ ins Leben und fungierte als Bezirksvorsitzender des Buchdruckverbandes. Die Sozialdemokratie wurde sein politisches Zuhause: „Sozialdemokrat sein, heißt ein Kämpfer sein für Wahrheit, Volkswohl und Volksfreiheit, ein Kämpfer für gleiches Recht.“ Das war und blieb sein politisches Credo.

1895 verließ Scheidemann Marburg, um die Redaktion des Gießener SPD-Blattes zu über-nehmen. Im Alter von knapp 30 Jahren wurde er somit hauptamtlicher Parteifunktionär für die SPD; er sollte das fast 25 Jahre bleiben. Nacheinander fungierte er als Chefredak-teur der Parteizeitungen in Nürnberg und Offenbach und kehrte 1905 als Chef des sozial-demokratischen „Volksblatts“ wieder in die Kasseler Heimat zurück. Von 1908 bis zu sei-nem Weggang nach Berlin 1911 gehörte er der Stadtverordnetenversammlung an und war „der unbestritten erste Redner der Sozialdemokraten im Rathaus“, wie das Jochen Lengemann mit Recht schreibt. Seiner Heimatstadt setzte er 1910 ein mundartliches Denkmal mit seinen unter dem Pseudonym „Henner Piffendeckel“ verfassten Kasseler „Geschichderchen“, einer humorvollen Schilderung des kleinen Kasseläners.

1903 errang Scheidemann das Reichstagsmandat in Solingen. Er trat als scharfzüngiger, schlagfertiger Redner auf. Wer den Arbeiter für die Idee des Sozialismus gewinnen wollte, der musste die Gabe der freien Rede haben, der musste die Zuhörerschaft begeistern können. Das Publikum fühlte sich gering geschätzt, wenn der Agitator nicht mindestens 1,5 oder zwei Stunden zu ihnen sprach. Scheidemanns Metier war der öffentliche Auftritt; er war der wortgewaltige Tribun. Dies paarte sich mit einem feinen Gespür für Massenstimmungen. Er machte seine Karriere über das Parlament, gestützt auf seine Fähigkeit der Rede. 1911 wählte ihn der SPD Parteitag in Jena in den zentralen Parteivorstand. Es folgt der Umzug nach Berlin. Nach dem großen Wahlsieg der SPD bei den Wahlen 1912, als die SPD mit 110 Abgeordneten die stärkste Fraktion wurde, wurde Scheidemann zu einem der beiden Vizepräsidenten des Reichstages gewählt. Das erregte Aufsehen. Doch amtierte er nur kurz: Denn er blieb – getreu dem sozialdemokratischen Prinzip, den Hofgang nicht zu machen – dem üblichen Antrittsbesuch beim Kaiser fern. Bei der geraume Zeit später erfolgenden notwendigen Neuwahl des Präsidiums fiel er dann durch.

Als Mitglied der sozialdemokratischen Führungsriege war Scheidemann wesentlich daran beteiligt, die SPD aus der Paria-Stellung im Kaiserreich herauszuholen. Er machte die im Kaiserreich als vaterlandslosen Gesellen und Landesverräter beschimpften Sozialdemokraten bündnisfähig für die bürgerlich-demokratischen Kräfte. Aber dazu bedurfte es eines Weltkrieges, der diesen Prozess beschleunigte.

Während des Ersten Weltkrieges stieg Scheidemann, einer von drei Vorsitzenden der SPD-Reichstagsfraktion, zum populärsten Sozialdemokraten im Reich auf. Seine Forderung nach einem Verständigungsfrieden ohne Gebietszuwächse und ohne Kriegsentschädigungen („Frieden ohne Annexionen und Kontributionen“) als Gegenstück zum nationalistischen „Siegfrieden“ der Kriegstreiber wurde bald weithin als „Scheidemann-Frieden“ bezeichnet. Für die einen war er der populärste politische Führer oder für die anderen der berüchtigtste Sozialdemokrat. Zweifellos war er der bekannteste Mann der SPD. Er hatte sich von Anfang an auf den Boden der Burgfriedenspolitik gestellt, womit sich die Partei in die nationale Abwehrfront einreihte und die sie in die schwerste Krise führte. Am Ende stand die Spaltung der SPD. Nach der Abspaltung der USPD im April 1917 wurde Scheidemann neben Friedrich Ebert Vorsitzender der SPD.

Als im Zeichen der Kriegsniederlage im Oktober 1918 die Regierung auf parlamentarische Basis umgestellt wurde, trat er in die erste parlamentarisch abgestützte kaiserliche Regierung unter Reichskanzler Prinz Max von Baden ein; er war somit – neben seinem Parteifreund Gustav Bauer – der erste sozialdemokratische Minister in der deutschen Geschichte. Scheidemann sprang mit hohem Verantwortungsethos in die Bresche; aber es war, so Scheidemann, ein bankrottes Unternehmen. Denn schon am 9. November 1918 brach das wilhelminische Reich zusammen.

Mit der Ausrufung der Republik in den Mittagsstunden des 9. November 1918 vom Balkon des Reichstages versetzte Scheidemann dem in Agonie liegenden Kaiserreich den Todesstoß – eine Tat mit kaum zu überschätzender Symbol- und Signalwirkung, ein Markstein der deutschen Demokratie, wobei Scheidemann entschlossen und zielstrebig agierte. Ein Zurück gab es spätestens jetzt nicht mehr. Dem tags darauf aus je drei Vertretern von SPD und USPD gebildeten Rat der Volksbeauftragten, der revolutionären Übergangsregierung, von ihm später einmal sehr treffend als „sechsköpfiger Reichskanzler“ bezeichnet, gehörte Scheidemann an. Keine andere Regierung in der deutschen Geschichte stand vor einer so schwierigen Gemengelage, keine andere hatte derartig vielschichtige und tiefgehende Probleme zu bewältigen. Als Konkursverwalter des Kaiserreiches musste der Krieg liquidiert, die Reichseinheit aufrechterhalten und die Versorgung gesichert werden – und dabei war auch noch der Grundstein für die Demokratie zu legen. Und dies nicht wie nach 1945 unter dem Schutzschirm der westlichen Siegermächte, sondern angesichts unnachgiebiger Sieger und mit einer Bevölkerung, die in weiten Teilen dem alten kaiserlichen Glanz und Gloria, einem Pomp und Pathos eines Wilhelm II., des letzten Hohehnzollern-Kaisers, nachtrauerte.

In den Tagen nach dem 9. November lag eine enorme physische und psychische Belastung auf den Handlungsträgern. Die politisch Verantwortlichen befanden sich in einem politi-schen Hexenkessel. Man müsse – so Scheidemann Ende Dezember 1918 – ein „Fell wie ein Rhinozeros“ haben. Ob er selbst wirklich so dickhäutig war? Das bleibt dahingestellt.

Unübersehbar gelang es der Revolutionsregierung, den drohenden Kollaps des Reiches abzuwenden und den Weg in die Republik zu bahnen – binnen kürzester Frist. Trotz der der Problemlagen verordnete die Revolutionsregierung am 12. November 1918 bahnbre-chende Reformen. In dieser Verordnung – als „Magna Charta der Revolution“ in die Ge-schichte eingegangen – wurden die Grundrechte wie Vereins- und Versammlungsfreiheit, Meinungs- und Religionsfreiheit gesichert und Achtstundentag und Frauenwahlrecht ver-fügt. Dies entsprach alten sozialdemokratischen Forderungen, für die Scheidemann ge-kämpft hatte. Insgesamt ein eindrucksvolles Werk; er schreibt zu Recht mit Stolz: „Was mit dieser knappen Verordnung dekretiert worden ist, hätte unter anderen Umständen in Deutschland in vielen Jahren nicht erreicht werden können.“ Scheidemann gehörte damit zu den Wegbereitern der Demokratie in Deutschland.

Bereits am 19. Januar 1919 fanden mit den Wahlen zur Nationalversammlung, die schließlich in Weimar tagen sollte, die ersten wirklichen freien und gleichen Wahlen in der deutschen Geschichte statt. Am 12. Februar 1919 wurde Scheidemann (mit der offiziellen Amtsbezeichnung „Reichsministerpräsident“) zum ersten Reichskanzler der Weimarer Republik gewählt.

Seine viermonatige Regierung war im Innern durch Unruhen, Streiks, Aufstände und sepa-ratistische Bestrebungen gekennzeichnet. Hinzu kam die alles entscheidende Frage: Wie gestaltet sich der künftige Friedensvertrag? Seine auf eine komfortable Dreiviertelmehr-heit stützende Regierung der Weimarer Koalition aus SPD, Zentrumspartei und DDP zer-brach unter dem Druck des Friedensvertrages. Der Vertragsentwurf vom 7. Mai 1919 übertraf sie schlimmsten Befürchtungen. Ein Schrei der Empörung ging durch das Reich. Auch Scheidemann wollte diesen „Schandfrieden“ nicht annehmen. Der Mann der großen prägenden Worte fand auch hier ein plastisches Bild vor der Nationalversammlung: „Wel-che Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?“: Scheidemann hatte sich unumstößlich auf Ablehnung festgelegt, wenn die alliierten Siegermächte nicht Zugeständnisse machen würden. Diese blieben dann erwartungsgemäß aus. Bevor seine Hand „verdorrte“, trat Scheidemann konsequenterweise als Regierungschef zurück. Er machte den Umschwung nicht mit, den viele seiner Parteifreunde im Bewusstsein, dass es keine Alternative zur Unterschrift unter den Vertrag gab, im allerletzten Moment vollzo-gen. Philipp Scheidemann blieb unbeirrt bei seiner Ablehnung und gab im Juni 1919 das Amt auf.

Er war ausgelaugt, physisch und psychisch ausgezehrt. Er bat die Partei um einen längeren Urlaub: „Die 5 Kriegsjahre, so wie ich sie in der Partei, in der Fraktion, dann als Staatssekretär, als Volksbeauftragter und als Ministerpräsident habe mitmachen müssen, sind begreiflicherweise nicht spurlos an mir vorübergegangen. Nun habe ich die Zeit und wohl einige Wochen Ruhe verdient.“ Er hatte sie in der Tat verdient und sie waren nötig. Im Krieg jagte eine Konferenz die andere. Scheidemann errechnet für sich insgesamt ungefähr 6.000 Besprechungen, also etwa vier pro Tag veranschlagte. Die extremen Belastungen im Krieg und Nachkriegszeit führten bei einigen seiner Kollegen bis zum körperlichen oder psychischen Zusammenbruch. Auch er litt.

Ruhiger wurde es nicht, als er eine neue Aufgabe übernahm. Ende des Jahres 1919 wurde er gegen starke Wiederstände der bürgerlichen Parteien zum Oberbürgermeister der Stadt Kassel gewählt. Er war damit einer der ganz wenigen Sozialdemokraten an der Spitze einer Großstadt. Ein Ruhesessel war der Stuhl des Oberbürgermeisters in Kassel nicht, eher ein Schleudersitz.

Nun, das Verwaltungshandeln in der Kommune war Neuland für den in der Wolle gefärb-ten Parteipolitiker, den Parlamentarier mit Herzblut und den glänzenden Redner. Er führ-te die Stadt in extremer Zeit: In der nachrevolutionären Phase, in Zeiten der Hochinflation sowie der sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen, war Kommunalpolitik Zwängen ausgesetzt, die die Handlungsmöglichkeiten eingrenzten. Es war die Periode der höchsten, alle Bereiche des täglichen Lebens erfassenden Not. Für den Sozialdemokraten Scheidemann ging es um Arbeit, Sozialreform und soziale Fürsorge. Er wollte der Verarmung und Verelendung der Arbeiterschaft, der Kleinrentner und Pensionäre nicht tatenlos zusehen; er wollte die Auswirkungen der dramatischen, kontinuierlich zunehmenden Krise sozialpolitisch abfedern, die Verelendung abmildern – so gut es zumindest die Finanzlage der Stadt zuließ. Und Sozialpolitisches schaffen.

Nur ein Beispiel: Das Fulda-Bad war sein bevorzugtes Projekt, um der vor allem in der Altstadt unter miserablen Bedingungen wohnenden Bevölkerung der unteren Schichten einen Ausgleich zu bieten – ein Vorhaben von nicht zu unterschätzender Wirkung. Es ging ihm darum, die Wohnungssituation zu verbessern, den in Zeiten dramatischer Inflation in Not geratenen Bevölkerungskreisen Hilfe zu bieten und die von Arbeitslosigkeit Betroffenen wieder in Lohn und Brot zu bringen. Darauf richtete er sein Handeln aus. Insgesamt war diese sozial orientierte Politik im Rahmen der Möglichkeiten erfolgreich. Kassel blieb im Krisenjahr 1923 – im Gegensatz zu manch anderer Großstadt – von dauerhaften Unruhen und Straßenkämpfen weitestgehend verschont. Und trotz der katastrophalen Ausgangslage gelang in dieser Zeit Wegbereitendes für die Kommune.

Doch eine regelrechte Hatz begleitete ihn; die Rechtsbürgerlichen ließen keine Gelegen-heit ungenutzt, Scheidemanns Politik und Person schonungslos zu attackieren. Sein Freund Albert Grzesinski schreibt: „Das Kesseltreiben seiner politischen Gegner setzte bald und sehr intensiv ein. So ist noch nie ein Stadtoberhaupt heruntergerissen und verleumdet worden wie Scheidemann in Kassel.“

Scheidemann war schon zu Beginn seiner Amtszeit selbst klar, dass die „Dreckwerferei“ nie aufhören werde. Dagegen sei man machtlos, wie er 1920 schrieb: „Und wenn jeder von uns heute weiß gescheuert wird, morgen sehen wir doch wieder aus wie die Schornsteinfeger.“ Damit musste der Demokratiegründer leben, den die Rechten spätes-tens mit der Ausrufung der Republik als Landesverräter, als Mann des Dolchstoßes, schmähten – ein vielfach verwandtes Bild der Propagandasprache. Sie kennen die Zeichnung, wie Scheidemann dem heldenhaft kämpfenden Soldaten das Messer in den Rücken rammt. Mit der Ausrufung der Republik war er für die rückwärtsgewandten Monarchisten und Konservativen mit einem Schlag zum am meisten gehassten Mann geworden. Schließlich wurde er mit Mord bedroht.

Der Drohung folgte am Pfingstsonntag 1922 die Tat, als Scheidemann in Wilhelmshöhe spazieren ging: Zwei Mitglieder einer rechtsradikalen Organisation spritzten ihm Blausäure ins Gesicht – mit einem Klistierspritzball. Denn für den „Novemberverbrecher“ Scheidemann war eine „ehrenvolle“ Kugel viel zu schade. Nur dank einer schnellen Reaktion konnte Scheidemann Schlimmeres verhüten.

Das Attentat mobilisierte die Kasseler Arbeiterbewegung am 7. Juni zu einer Kundgebung von einer Größenordnung, wie sie die Stadt in der jungen Republik bislang noch nicht er-lebt hatte. Auf 40.000 wird die Teilnehmerzahl geschätzt. Vor dem Rathaus richtete Scheidemann auf bereitgestellten Tischen an der Freitreppe das Wort an die Demonstranten – ein weithin bekanntes Bild der Geschichte des Kasseler Fotografen Carl Eberth.

Der Anschlag reihte sich in die Serie von Attentaten auf führende Repräsentanten der verhassten Republik, mit denen die junge Demokratie destabilisiert werden sollte. Keine drei Wochen später wurde Außenminister Walther Rathenau ermordet. Bei der Trauerfeier im Reichstag prägte Reichskanzler Joseph Wirth den weithin bekannten Satz: „Der Feind, der sein Gift in die Wunde träufelt, dieser Feind steht rechts.“ Der eigentliche Urheber dieser bald zum geflügelten Wort werdenden Wendung war Philipp Scheidemann. Er hatte schon im Oktober 1919 im Reichstag die Regierung zur Wachsamkeit gegenüber den Gegnern der Republik mit dem Satz aufgerufen: „Der Feind steht rechts.“

Das Kesseltreiben gegen ihn mit Verleumdungen und Beleidigung in unvorstellbarer Weise war weitergegangen, bis schließlich Scheidemann nach der Hälfte seiner 12-jährigen Amtszeit aufgab, amtsmüde, zermürbt und schwer krank.

Im Oktober 1925 verließ Scheidemann seine Heimatstadt – und zwar für immer. Er siedelte zurück in die Reichshauptstadt; seine Verbundenheit mit Kassel blieb, denn bis zum Ende der Weimarer Republik saß er für Kassel im Reichstag. Immer wieder kehrte er auch als Redner zurück in seine Geburtsstadt. Um ihn wurde es merklich stiller, auch wenn er weiterhin als vielbeschäftigter Tribun und als scharfzüngiger Redner immer wieder vor den Gefahren für die Republik warnte. Sein Leben sollte schließlich in Bitterkeit enden.

Als der wohl von den Nationalsozialisten am meisten gehasste Politiker musste er nach Hitlers Machtergreifung Hals über Kopf das Land verlassen, kam über Prag, wo er vo-rübergehend in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebte, schließlich im August 1934 nach Ko-penhagen. Die mit ihm aus Deutschland geflüchtete Tochter Luise begleitete ihn. Die Na-tionalsozialisten, die ihm im August 1933 als einem der ersten die Staatsbürgerschaft ab-erkannten, versuchten sich stellvertretend für den ihren Fängen entkommenen Republik-gründer an den beiden anderen im Reich des Unrechts verbliebenen Töchtern zu rächen. Im Mai 1933 nahmen sich die älteste und deren Mann nach Misshandlungen durch die Nationalsozialisten das Leben. Die jüngste kränkliche Tochter starb nach einer Operation im Oktober 1935; die Verfolgung durch die Nationalsozialisten hatte sie herzkrank ge-macht. Schwere Schicksalsschläge; Scheidemann konnte nicht einmal an Gräbern Ab-schied von seinen Kindern nehmen.

Verbittert erlag Philipp Scheidemann am 29. November 1939 in seinem Kopenhagener Exil einem Krebsleiden. Im Februar 1939 hatte der 73-Jährige noch eine Vortragsreise durch Schweden unternommen. Noch immer besaß sein Name in der internationalen sozialistischen Bewegung einen guten Klang. Wenige Monate später aber endete der Le-bensweg des großen deutschen Sozialdemokraten. Etwa 100 deutsche Emigranten gaben ihm das letzte Geleit. Die NS-Presse meldete mit zynischer Genugtuung den Tod des Re-publikgründers. Für sie war er der „Bankrott-Politiker“, einer „der unrühmlichst bekann-ten Figuren der Systemzeit“. Ganz anders sah das freilich die Zeitung der dänischen Sozi-aldemokratie: „Gestern starb einer der besten Söhne Deutschlands, der erste Reichskanz-ler des demokratischen Deutschlands, Philipp Scheidemann.“ Die „Washington Post“ schrieb: „Der letzte der großen Gestalten des deutschen Vorkriegssozialismus ist gestorben.“

14 Jahre später überbrachte Kopenhagens Oberbürgermeister die Urne mit den sterbli-chen Überresten des großen Sohnes der Stadt nach Kassel. Im November 1954 fand die feierliche Beisetzung der Asche auf dem Hauptfriedhof statt. Philipp Scheidemann kehrte an die Stätte seiner Geburt zurück, in die Stadt, an deren Spitze er als Oberbürgermeister fast sechs Jahre gestanden hatte und die heute seinem 150. Geburtstag als Großen der deutschen Sozialdemokratie und der deutschen Demokratie mit vollen Recht gewürdigt hat. Denn Philipp Scheidemann hatte dazu beigetragen, die SPD zur stärksten Kraft im Kaiserreich zu formen, er hatte in schwerster Zeit auf der Zinne der Partei gestanden und diese regierungsfähig gemacht, er hatte am 9. November 1918 die Weichen zur Republik gestellt, in der Revolution den Weg in die Demokratie gebahnt, die er bis zuletzt entschieden verteidigte. Das macht ihn zu einem wirklich Großen der deutschen Demokratiegeschichte.

 

Verfasser:

Prof. Dr. Walter Mühlhausen (geb. 1956 in Eichenberg/Nordhessen), Studium und Promotion an der Gesamthochschule/Universität Kassel; Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg. Er lehrt nebenberuflich als apl. Professor an der Technischen Universität Darmstadt, wo er sich 2007 habilitierte, und ist u. a. Mitglied der Kommission für Politische und Parlamentarische Geschichte des Landes Hessen beim Hessischen Landtag.

Veröffentlicht am:   29. 07. 2015  


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