Dynamik aus dem Norden: Dr. Lauritz Lauritzen

Dr. Lauritz Lauritzen; © Stadt Kassel Dr. Lauritz Lauritzen

Immer, wenn er in den Jahren nach seiner Amtszeit als Kasseler Oberbürgermeister nach Kassel kam, war er, wie er selber sagte, „wieder mal zu Hause“. Er, der am 20. Januar 1910 in Kiel geborene Lauritz Lauritzen, hatte in Plön (Holstein) die Schule besucht. Im Jahre 1954 wurde aus dem Ministerialdirigenten im niedersächsischen Innenministerium in Hannover dann ein Kasseler Bürger, und zwar gleich Kassels oberster Bürger: der Oberbürgermeister der Stadt.

Um diese Position hatte sich Dr. Lauritz Lauritzen nicht von sich aus beworben, sondern die Kasseler SPD mit ihrer Mehrheitsfraktion im Stadtparlament war mit der Anfrage an ihn herangetreten, ob er dieses Amt übernehmen würde. Mit 34 von 60 Stimmen wurde Dr. Lauritz Lauritzen im Juli 1954 für sechs Jahre zum neuen Oberbürgermeister gewählt. In seiner ersten Rede als Stadtoberhaupt – am 16. August 1954 im Stadtverordnetensitzungssaal des Rathauses – sprach Dr. Lauritzen als erstes den Wohnungsbau an, da Kassel ja eine der wenigen Großstädte sei, die die Einwohnerzahl der Vorkriegszeit noch nicht wieder erreicht habe. „Aber auch der Wirtschaftsförderung müssen wir unser ganz besonderes Augenmerk schenken und wollen dabei die sozialen und kulturellen Einrichtungen nicht vernachlässigen.“

Wie wir heute wissen, war er seit 1929 SPD-Mitglied, aus der er im März 1933 austrat. Seit 1.4.1934 war er beim SA-Marinesturm in Kiel. Er selbst gab im Spiegel 1973 an, 1934 – 1938 bei der Reiter-SA gewesen zu sein, wozu sich keine Belege finden. Nach dem 2.Staatsexamen mit „gut“ in Jura entschied er sich nicht für den Justizdienst, sondern begann 1937 bei der Reichsstelle Chemie in Berlin, einer Arbeitgeberinstitution für Außenhandel. Ab Frühjahr 1944 leitete er deren Außenstelle in Spremberg. „Während der NS-Diktatur überwinterte er, ohne berufliche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, auch ohne sich intensiver mit der NSDAP eingelassen zu haben. 1945 stand er als unbelasteter da. (…) Er trat unverzüglich wieder in die SPD ein…“

Ende 1946 wurde er unkündbarer Beamter im schleswig-holsteinischen Innenministerium, ab 1952 in Niedersachsen. Dabei war er mit Wiedergutmachungsfragen befasst. Sein Maßstab: „Wiedergutmachung trotz NSDAP-Mitgliedschaft sei nur möglich, …..wenn der Geschädigte den Nationalsozialismus aktiv bekämpft hat.“

Lauritzen sah aber auch Möglichkeiten der Stadt im Tourismus und als Tagungsort, die bis heute die Stadt prägen. Ein Jahr später gelang es ihm bereits, die besondere Chance zu nutzen, mit der Bundesgartenschau 1955 den Namen der Stadt nach außen zur Geltung zu bringen. Mehr noch sorgte die im gleichen Jahr veranstaltete erste „documenta“ und die 1959 organisierte „documenta II“ für weltweites Echo. Zweifellos wurde Kassel damit zu einer international beachteten Stadt in Sachen moderner Kunst. Aber auch in der Stadt selbst tat sich viel. In Lauritzens Amtszeit sind Bauten und Verkehrslösungen entstanden, auf die die Stadt damals stolz war: Wohngebiete wie Auefeld und Helleböhn und der Ausbau des Innenstadtrings.

Als routinierter Organisator und qualifizierter Verwaltungsjurist brachte Dr. Lauritz Lauritzen auch neuen Schwung in die Amtsstuben im Rathaus. „Lau-Lau“, wie man ihn nannte, entwickelte sich wegen seines autoritären Führungsstils geradezu zum Beamtenschreck. Andererseits ließ der passionierte Jäger all das vergessen, wenn er unter guten Bekannten bei einem Bier und einem „Klaren aus dem Norden“ beisammen saß.


Erst in die Landes-, dann in die Bundesregierung

Die fachlichen Qualitäten des Kasseler Oberbürgermeisters blieben dem hessischen Ministerpräsidenten nicht verborgen, so dass er ihn 1963 als Minister für Justiz- und Bundesangelegenheiten in das Wiesbadener Kabinett holte. Er stützte Fritz Bauer bei den anstehenden Auschwitzprozessen und leistete damit einen Beitrag, das Schweigen über die Verbrechen der Nazi-Zeit wie über den millionenfachen Mord an den europäischen Juden in den 60er Jahren zu durchbrechen. Er galt schon als Hauptanwärter für die Spitze der hessischen Landesregierung, doch daraus wurde nichts, als ihn die Kasseler Vergangenheit einholte. Um prominente Fußballspieler nach Kassel zu holen, war der Oberbürgermeister nämlich etwas zu entgegenkommend mit Spendenbescheinigungen für die Gönner des KSV Hessen umgegangen. Ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren verlief aber im Sande. Auch wurde keine Straße in Kassel nach ihm benannt.

Dr. Lauritz Lauritzen schlug eine neue Stunde, als er in das Kabinett der Großen Koalition nach Bonn geholt wurde. 1966 wurde er Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen, 1972 Verkehrsminister, kurzzeitig kamen Post- und Fernmeldewesen hinzu. Im Zusammenhang mit der ersten Ölkrise konnte Lauritzen übrigens im November 1973 ein generelles Tempolimit von hundert Stundenkilometern auf der Autobahn durchsetzen. Es sollte, so die amtliche Begründung, Benzin sparen und bei besserer Spritversorgung wieder aufgehoben werden, obwohl Lauritzen im Grunde genommen eine Dauerlösung anstrebte. Von Anfang an opponierte der ADAC vehement dagegen, mit Unterschriftensammlungen und dem Aufkleber „Freie Fahrt für freie Bürger“, und hatte Erfolg, so dass Lauritzen schließlich klein beigeben musste und Deutschland bis heute das einzige europäische Land ohne Tempolimit ist: Vom 15. März 1974 an durften alle Kraftfahrer wieder Vollgas geben. Erfolgreicher war Lauritzen zuvor als Wohnungsbauminister. Hier erwarb er sich unbestritten Verdienste um das Wohnungswesen. „Zu seinen bedeutendsten Reformleistungen gehören das Städtebauförderungsgesetz (1971) und das Mieterschutzgesetz.“

 

 

Veröffentlicht am:   08. 12. 2017  

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