Gustav Lahmeyer


Stadtoberhaupt in der NS-Zeit: Gustaf Lahmeyer

Gustav Lahmeyer; © Stadt Kassel Gustav Lahmeyer

Am Freitag, dem 26. Mai des Jahres 1939 saß Oberbürgermeister Gustaf Lahmeyer an seinem Schreibtisch im zweiten Stock des Rathauses und schrieb eigenhändig folgenden Vermerk: Der Herr Gauleiter hat angeordnet, den (Aschrott-)Brunnen noch vor dem Reichskriegertag zu entfernen. Diese mit blauer Tinte geschriebenen Zeilen sind in einer schmalen Akte über Demolierung und Abbruch des Aschrottbrunnens zu finden, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hat und jetzt im Stadtarchiv Kassel verwahrt wird. Die Notiz ist ein deutliches Beispiel dafür, wer in dieser Zeit das Sagen hatte: Der Gauleiter, also der Chef der Nazi-Partei im Bereich des ehemaligen Kurhessen, hatte entscheidenden Einfluss darauf, was zu geschehen hatte, im und um das Rathaus der Stadt.

Eröffnung Goetheanlage; © Stadt Kassel Lahmeyer bei der Eröffnung der Goetheanlage im Jahr 1933

Der Abbruch des Obelisken erfolgte prompt, die verbliebene Brunnenschale wurde mit Blumen bepflanzt. Nur wenigen von den 200 000 ehemaligen Soldaten und Wehrmachtsangehörigen, die Anfang Juni 1939 zu dem großen militärischen Spektakel "Großdeutscher Reichskriegertag" nach Kassel kamen, dürfte diese Veränderung aufgefallen sein.
Allerdings war dies nicht die erste Meinungsverschiedenheit zwischen dem Oberbürgermeister und dem NS-Gauleiter. Der im Kern bürgerlich-konservative Oberbürgermeister war kein engstirniger Nazi. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 suchte Lahmeyer weiteren Differenzen aus dem Wege zu gehen, in dem er sich als ehemaliger Leutnant der Reserve – mittlerweile über fünfzigjährig (!) – zum Kriegsdienst meldete. Etwa drei Jahre nahm er an den Feldzügen in Frankreich, Russland, Rumänien und zuletzt als Kommandeur einer Artillerie-Einheit an den Kämpfen im Kaukasus teil. Im Oktober 1943 schwer erkrankt, wurde er zur Behandlung in die Heimat verlegt. Nach seiner Genesung übernahm er wieder voll die Amtsgeschäfte, zumal der bisherige Gauleiter Weinrich nicht mehr auf seinem Posten war. Dieser war bei der Nazi-Spitze in Berlin in Ungnade gefallen und "amtsenthoben" worden, da er bei der Organisierung der Hilfsmaßnahmen nach der verheerenden Zerstörung Kassels am 22. Oktober 1943 kläglich versagt hatte.

Mit seiner Verhaftung am 6. April 1945 durch die in Kassel einmarschierenden US-Truppen fand die Tätigkeit Oberbürgermeister Lahmeyers in der Stadtverwaltung ein nicht unerwartetes Ende. Nahezu zwanzig Jahre vorher, am 13. Juli 1925, hatten die Kasseler Stadtverordneten beschlossen, den Verwaltungsjuristen Gustaf Lahmeyer in den Magistrat zu wählen. Seit 1. Januar 1926 hatte er als Stadtrat und ab 1. Oktober 1926 als Bürgermeister in der Stadtverwaltung in leitender Funktion mitgewirkt.

Als Anfang 1933 die Nationalsozialisten in Berlin die Macht übernommen hatten, gab es auch bei den Kasseler Parteigenossen kein Halten. Ihr Hass richtete sich nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen die demokratisch geführte Stadtverwaltung. Es kam zu einem der schwärzesten Tage für das Kasseler Rathaus. Am 24. März 1933 besetzte die SA, die halbmilitärische Untergliederung der NSDAP, die Eingänge des Rathauses. Eine Gruppe drang in das Rathaus ein und zwang Oberbürgermeister Herbert Stadler zum Rücktritt. Den Nazis missliebige Beamte und Stadtverordnete wurden aus ihren Amtsräumen geholt. Einige von ihnen, darunter der Wohlfahrtsdezernent Dr. Haarmann und der SPD-Stadtverordnete Wittrock, wurden mit Brachialgewalt abgeführt und in den nahegelegenen Kellerräumen der Gaststätte "Bürgersäle" misshandelt.

Bürgermeister Gustaf Lahmeyer geschah nichts. Zunächst wurde er vom Regierungspräsidenten mit der Fortführung der Dienstgeschäfte des Oberbürgermeisters beauftragt. Zwei Monate später, am 26. April, erfolgte seine Wahl zum Oberbürgermeister durch eine stark dezimierte Stadtverordnetenversammlung, denn die meisten der demokratischen Stadtverordneten nahmen nicht mehr an der Sitzung teil. Lahmeyers Wahl fand bei den Nazis nicht ungeteilte Zustimmung. Wahrscheinlich war er einigen Nazis nicht genug Nazi. Schließlich hatte er "erst" im Februar 1933 seine Aufnahme in die NSDAP beantragt.

In Zeiten militärischen Pomps blieb auch dem Vertreter einer Zivilbehörde kaum etwas anderes übrig, als bei offiziellen Veranstaltungen in Uniform zu erscheinen. Auf der Uniform trug der OB dann die goldene Amtskette. Privat lehnte Gustaf Lahmeyer Pomp und große Feierlichkeiten ab. Seinen 50. Geburtstag am 7. Juli 1939 feierte er nicht offiziell. Zu diesem Zeitpunkt war er, so formulierte es eine Kasseler Tageszeitung, "irgendwo in deutschen Landen auf beschaulicher Wanderfahrt". Seine Freude am Wandern hatte ihn schon vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Hessich-Waldeckischen Gebirgsverein in Verbindung gebracht. So wundert es nicht, dass er 1927 den Vorsitz dieses Wander- und Heimatvereins übernommen hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte Gustaf Lahmeyer nach Detmold über, wo er sich ab 1949 als Mitarbeiter im Hauptverband des Deutschen Jugendherbergswerks betätigte. Seit 1954 gehörte Lahmeyer sechs Jahre lang als Abgeordneter dem Rat der Stadt Detmold an und war Vorsitzender des Aufsichtsrats der Lippischen Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft.

Am 20. April 1968 starb der frühere Kasseler Oberbürgermeister im 79. Lebensjahr.

Veröffentlicht am:   08. 12. 2017  


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