Emil Weise


OB Emil Weise, "Redlicher Sachverwalter der Kasseler Belange"

Emil Weise; © Stadt Kassel Emil Weise



Am 11. Juli des Jahres 1873 versammelte sich ein aus Mitgliedern des Kasseler Stadtrats, des ordentlichen und des außerordentlichen Bürgerausschusses bestehendes Wahlgremium im großen Saal des Stadtbaus an der Fuldabrücke, um einen neuen "besoldeten Gehilfen und Stellvertreter des Oberbürgermeisters" zu wählen. Denn das Rathaus der Stadt in der Oberen Karlsstraße, das sogenannte Oberneustädter Rathaus, war dafür zu klein. Unter drei Bewerbern fiel die Wahl auf den 41jährigen Emil Weise, der als tüchtiger Jurist und Verwaltungsbeamter galt und zuvor in den Stadtverwaltungen Jauer und Naumburg/Saale tätig gewesen war.

Als zwei Jahre später der bekannte und hoch geschätzte Oberbürgermeister Friedrich Nebelthau starb, war es Sache des Stellvertreters, das Amt des OB auszufüllen. Als kurz darauf die Oberbürgermeisterwahl anstand, hatte Weise mit seiner bisherigen Amtsführung so überzeugt, dass fast alle 55 wahlberechtigten Herren für den gebürtigen Schlesier stimmten. Die "Allerhöchste Bestätigung" ließ nicht lange auf sich warten, so dass Weise am 4. Dezember 1875 seinen Amtseid als Oberbürgermeister ablegen konnte. Sein Weg zur Arbeitsstätte war kurz: Seit 23. März 1876 wohnte er mit Ehefrau und drei Töchtern in der Oberbürgermeister - Dienstwohnung im Rathaus in der Oberen Karlsstraße 12.

In der Zeit, als Emil Weise an die Spitze der Kasseler Kommunalverwaltung trat, erlebte das wenige Jahre vorher unter Fürst Otto von Bismarcks Regie geschaffene Deutsche Reich einen konjunkturellen Aufschwung ohnegleichen. Diese Zeit ist als "Gründerjahre" in die Geschichtsbücher eingegangen. In Kassel wird diese stürmische Entwicklung beispielhaft deutlich an den Produktionszahlen der Lokomotivfabrik Henschel und Sohn in der Nordstadt. 1848 bis 1873 hatte dieses Werk 500 Lokomotiven produziert, es dauerte dann nur sechs weitere Jahre, um erneut diese Anzahl herzustellen. 1894 verließ bereits die 4000. Lokomotive die Henschel´sche Fabrik! Im Sog dieses Aufschwungs verlief auch die Bevölkerungsentwicklung der Stadt. 1873 lebten hier 50 000 Menschen, 1899 waren es doppelt so viel und 1910 hatte Kassel über 150 000 Einwohner!

Kassel wurde zu dieser Zeit Industriestandort, war aber seit eh und je schon Beamtenstadt. Als Hauptstadt der preußischen Provinz Hessen-Nassau und als Hauptstadt des Regierungsbezirks wuchsen neue palastartige Behördenbauten empor wie das Regierungs- und Justizgebäude über dem Rondell (1878-1881) oder das kaiserliche Postgebäude am Königsplatz (1881). "Beamtenlaufbahn" nannten die Kasseler den breiten Fußweg von der Südstadt, in der viele Beamte wohnten, den Weinberg hinauf in die Innenstadt.

Mit der Zunahme der Bevölkerung konnte der Wohnungsbau in dieser Zeit nicht mithalten. Noch gab es keine Stadtplanung, noch gab es keine öffentlich-rechtlichen Wohnungsbaugesellschaften. So erlebte die Bodenspekulation goldene Tage. Überall an den Rändern der Stadt begannen ohne einheitlichen Plan aus jahrhundertealten Gärten mehrgeschossige Wohnhäuser emporzuwachsen. Energie und Kapital des Geschäftsmannes Sigmund Aschrott führten dazu, dass dieser große Areale westlich des Ständeplatzes, auch in den Gemarkungen Wehlheiden und Kirchditmold, aufkaufen konnte, als Privatunternehmer neue Straßen anlegte und die von ihm erschlossenen Bauplätze veräußerte. So entstanden die Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße), die Victoria-Straße (heute Bürgermeister-Brunner-Straße), die Kronprinzenstraße (heute Friedrich-Engels-Straße), die Bismarckstraße, die Westendstraße, die aber schon bald kein westliches Ende mehr darstellte.

Im Jahre 1892 sah sich OB Emil Weise durch zunehmende Kränklichkeit gezwungen, nach 17jähriger Tätigkeit als Stadtoberhaupt - 1887 war er auf acht Jahre wiedergewählt worden - vorzeitig seinen Abschied zu nehmen. Er starb am 13. April 1899 in Dresden.

Das Urteil der Nachwelt über diesen Oberbürgermeister mit dem Titel Geheimer Regierungsrat ist bisher zurückhaltend und wenig differenziert ausgefallen. Betont wird sein "vornehmer, humaner Sinn". "Güte und Menschlichkeit waren seine hervorstechenden Eigenschaften". Er sei ein "redlicher Sachwalter der Kasseler Belange" gewesen.

Veröffentlicht am:   08. 12. 2017  


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