Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Hans Krollmann, Jochen Lengemann und Richard Wurbs

01. Februar 2010
Rathaus, Stadtverordnetensitzungssaal

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,
sehr geehrter Herr Krollmann,
sehr geehrter Herr Lengemann,
sehr geehrter Herr Wurbs,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen des Magistrats sehr herzlich im Rathaus. Es ist ein besonderer Anlass, der uns heute im Saal der Stadtverordneten zusammengeführt hat.

Es ist mir eine Ehre und Freude zugleich, den Antrag des Magistrats zu begründen, Hans Krollmann, Jochen Lengemann und Richard Wurbs die Ehrenbürgerwürde zu verleihen.

Drei Persönlichkeiten, denen bereits zuvor vielfältige Ehrungen und Würdigungen, Anerkennung und Wertschätzung zuteil wurden.

Drei würdige Ehrenbürger, die eine tiefe Bindung zu unserer Stadt entwickelt haben.

 

[Mit der Hilfe der nachfolgenden Sprungmarken können Sie zur Würdigung der jeweiligen Persönlichkeit springen.]

Porträt Hans Krollmann; © Stadt Kassel, Foto: H. Soremski

Hans Krollmann

Beginnen möchte ich mit Hans Krollmann, dessen 80. Geburtstag wir vor wenigen Monaten im Staatstheater gefeiert haben; er hat sich mehr als ein halbes Jahrhundert lang in seinen unterschiedlichen Aufgabenfeldern und Funktionen erfolgreich für Kassel und seine Bürgerinnen und Bürger eingesetzt.

Sehr geehrter Herr Krollmann,
das berufliche und politische Rüstzeug erwarben Sie in Kassel. Seit Ihrem Eintritt in die Stadtverwaltung beim Stadtrechtsamt griffen die Stationen Ihrer beruflichen und politischen Karriere wie ein Uhrwerk ineinander.

Sie entstammen einer Arbeiterfamilie mit sozialdemokratischen Wurzeln. Das Elternhaus hat Ihnen die Lust am Lesen vermittelt und den Hunger nach Bildung geweckt - und schon früh wuchs in Ihnen der Wunsch, eine höhere Schule zu besuchen und zu studieren. Das Studium der Jurisprudenz absolvierten Sie ebenso erfolgreich wie die Schule: beide juristische Staatsprüfungen bestanden Sie mit Prädikat.

Ab 1962 leiteten Sie die Polizeiverwaltung und wurden stellvertretender Polizeipräsident. Ins Amt des Polizeipräsidenten berief man Sie 1965 als Nachfolger von Heinz Hille, dem späteren Bürgermeister unserer Stadt.

1967 wurden Sie dann zum Kämmerer der Stadt Kassel gewählt. Zwei Jahre später begann Ihre politische Karriere in Wiesbaden: zunächst als   Staatssekretär, dann als Landtagsabgeordneter, Umweltminister, Kultusminister und schließlich Finanzminister. Aus aktuellem Anlass sei daran erinnert, dass der Finanzausgleich für Städte mit überdurchschnittlichen Transferleistungen ohne den Kasseler Hans Krollmann kaum möglich gewesen wäre.

Zwischenzeitlich waren Sie auch als Nachfolger Dr. Karl Branners im Amt des Kasseler Oberbürgermeisters im Gespräch. Ambitionen verhehlten Sie seinerzeit nicht. Aber ein Mann wie Sie wurde in Wiesbaden gebraucht.

Nicht nur von Ihrem Freund und Förderer Holger Börner haben Sie deshalb viel Lob erfahren. Sie mussten immer wieder einspringen, wenn es galt, schwierige Kabinettsaufgaben zu meistern oder ein Amt aus der Krise zu führen. Es ist kein Geheimnis, dass Sie lieber Innen- oder Justizminister geworden wären als Umwelt- und kurz danach Kultusminister.

Dennoch oder gerade deshalb sagten Sie im Rückblick auf Ihre Zeit im Kultusministerium: "Ich würde es wieder tun."

An Konfliktstoff und Konfrontationen war kein Mangel, als Sie die Verantwortung für die Bildung übernahmen. Sie ließen den Druck kontrolliert ab – keine geringe Leistung, denn die hessische Bildungspolitik sorgte weit über die Landesgrenzen hinaus für leidenschaftlich geführte Diskussionen und Schlagzeilen.

Nicht nur in dieser Verantwortung erwarben Sie sich großen Respekt. Sie sind an jeder neuen Aufgabe gewachsen, und in jedem neuen Sachgebiet, das man Ihnen anvertraute - bisweilen auch zumutete – sind Sie sattelfest geworden. Sie haben Jahrzehnte Politik in Kassel und Hessen mitgestaltet, mitverantwortet und sicher manchmal auch unter ihr gelitten. Mit Populismus taten Sie sich schwer. Sie zogen es vor, mit Argumenten zu überzeugen.

Kassel blieben Sie in den zwanzig Wiesbadener Jahren trotz Ihrer vielen Verpflichtungen treu. Sie waren oft vor Ort und setzten sich mit ganzer Kraft für unsere Stadt und ihre Bürger ein.

"Der kommunale Kontakt vor Ort ist für mich das Schönste und Vielseitigste", sagten Sie einmal. Für Sie war es Ehrensache, möglichst viele Termine in Kassel und Nordhessen wahrzunehmen.

Ihr reicher Erfahrungsschatz, Ihre nie erlahmende Neugier und die Fähigkeit zu lernen – all dies kam Ihnen bei den vielfältigen Aktivitäten und Projekten zugute, denen Sie sich neben Ihrem politischen Engagement und nach dem Ende Ihrer politischen Karriere widmeten.

Unserer Universität blieben Sie von den Anfängen bis heute eng verbunden. Sie haben ihre Entwicklung entscheidend mitgeprägt und sind dafür zu ihrem Ehrenbürger ernannt worden. Der Kasseler Kultur in ihrer Breite waren und sind Sie ein unermüdlicher Lobbyist, dessen Rat hoch geschätzt wird.

Gemeinsam mit kulturell engagierten Bürgerinnen und Bürgern gründeten Sie vor 15 Jahren den Verein "Bürger pro A", wurden zum Vorsitzenden gewählt, und lenkten die Geschicke mit viel Einsatz, Umsicht und Motivationskunst. Sie sorgten dafür, dass eines der ältesten europäischen Kulturorchester den Status erhielt, der diesem Klangkörper gebührt.

Dem Staatstheater und seinen langfristigen Perspektiven galt stets Ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie waren Mitbegründer der Musikschule Kassel, engagieren sich im Verein "Gegen Vergessen – für Demokratie" sowie der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen.

Ihr Pflichtgefühl veranlasste Sie, beim Wiederaufbau der SPD-Parteiorganisation in Thüringen nach der Wende tatkräftig mitzuhelfen oder sich in der August-Bebel-Gesellschaft in Eisenach zu engagieren. In der SPD waren Sie Landesvorsitzender, Bezirksvorsitzender in Nordhessen, bekleideten in Kassel zahlreiche Parteiämter und waren in Ihrer Studienzeit Landesvorsitzender der Jusos in Hamburg.

Die Stadt hat Ihren unermüdlichen Einsatz mit der Verleihung des Wappenrings gewürdigt. Alle Verdienste aufzuzählen, würden den Rahmen unserer heutigen Veranstaltung sprengen – das gilt für alle drei Persönlichkeiten, die wir heute mit der Ehrenbürgerwürde auszeichnen.

Sehr geehrter Herr Krollmann,
das Wohl der Stadt Kassel, insbesondere die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, haben Sie - auch als Sie Ihre politische Laufbahn nach Wiesbaden führte - nie aus den Augen verloren.

Als politischer Baumeister unserer Universität haben Sie nicht nur bildungspolitische, sondern auch wirtschaftspolitisch nachhaltige Akzente in Kassel gesetzt.

Sie haben mit Ihrem unermüdlichen politischen und ehrenamtlichen Engagement für die Kasseler Kulturlandschaft das kulturelle Profil der Stadt Kassel mitgestaltet.

Die Stadt sagt Danke für das langjährige, beispielgebende bürgerschaftliche Engagement zum Wohle Kassels und ehrt Sie mit der höchsten Auszeichnung, die sie zu vergeben hat, dem Ehrenbürgerrecht.

Porträt Jochen Lengemann; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Jochen Lengemann

Meine Damen und Herren,
mit Jochen Lengemann wird in Zukunft ein Mann die Ehrenbürgerwürde seiner Vaterstadt tragen, der – wie man in Kassel sagt – mit Fullewasser getauft ist.

Er kann für sich das Prädikat des "waschechten Kasseläners" in Anspruch nehmen. Ein waschechter Kasseläner – sogar mit Sternchen. Das Sternchen, die Eingeweihten unter Ihnen wissen das, weist jene unter unseren Mitbürgern aus, die ihre familiären Wurzeln bis auf ihre hugenottischen Vorfahren zurückverfolgen können, die vor etwas mehr als 300 Jahren als Glaubensflüchtlinge nach Kassel kamen, hier ihre neue Heimat fanden und das Kasseler Gemeinwesen seither in vielfältiger Weise befruchtet und bereichert haben.

Verehrter, lieber Jochen Lengemann, von einem Ihrer Lieblingsdichter, von Rainer Maria Rilke, stammt das Zitat:

"Die Zukunft zeigt sich in uns...lange bevor sie eintritt."

Die Zukunft von Jochem Lengemann, verehrte Festgäste, begann am 10. Januar 1938. Die frühen Kindertage waren überschattet von den bald darauf beginnenden Schrecken des 2. Weltkrieges.

Die junge Familie flüchtete dann 1943 vor den Bombenangriffen zur Großmutter ins thüringische Freyburg, wo Sie, sehr geehrter Herr Lengemann, auch die ersten Schuljahre verbrachten. Ich erwähne dies, weil Sie selbst, wie ich weiß, diese Jahre später – auch im Rilkeschen Sinne - als persönlich sehr prägend empfunden habe.

Bei der Rückkehr der Familie fanden Sie eine fast völlig zerstörte Vaterstadt vor, in der kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war, wo die Menschen unter schwierigsten Verhältnissen versuchten, mit dem Wenigen, was geblieben war, zu überleben und gleichzeitig den Wiederaufbau der zerstörten Stadt voranzutreiben. In den darauf folgenden Jahren verbrachten Sie Ihre Schulzeit an der Goetheschule, wo sie 1958 auch das Abitur ablegen sollten.

Bereits in den frühen 50iger Jahren entdeckten Sie, ermuntert durch Ihre Mutter, Ihr - für einen Jungen diesen Alters wirklich ungewöhnlich waches und ausdauerndes   - Interesse am kommunalen Geschehen und der parlamentarischen Arbeit.

Dort oben auf der Empore des ab 1952 wieder genutzten Kasseler Stadtverordnetensaales verfolgten Sie mit wachem Geist die in Teilen stürmischen und leidenschaftlich geführten Debatten, in denen die entscheidenden Weichen für Kassels zukünftige, bis in unsere Tage reichenden Entwicklungen   gestellt wurden.

Dem "Hohen Hause" sollten Sie – nach einem erfolgreich abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaften in Marburg, Bonn und Köln – kaum mehr als ein Jahrzehnt später dann bereits selbst als erst 26-jähriger Abgeordneter Ihrer Partei, der CDU, bis zum Jahr 1974 angehören.

Der - rein gebäudetechnisch gesehene - Abstieg von der Empore hinab in den parlamentarischen Raum war in diesem Falle faktisch also ein Aufstieg, denn er markiert gewissermaßen den Beginn einer erfolgreichen politischen Karriere, die rund 3 Jahrzehnte andauern sollte.

Meine Damen und Herren,
nach mehreren Jahren Richtertätigkeit zunächst in Frankfurt, später dann in Kassel, wurde Jochen Lengemann 1970 Mitglied des Hessischen Landtages, dem er durchgängig bis 1990 angehörte. Neben anderen verantwortlichen Funktionen wurden Sie unter anderem zwei Mal als dessen Präsident gewählt, erstmals 1982.

Damit waren Sie mit 44 Jahren nicht nur Hessens jüngster Mann auf dem Präsidentenstuhl, sondern auch der erste Jurist und – was aus chattischer Sicht natürlich am wichtigsten ist – auch der erste Nordhesse in diesem bedeutenden Amt.

Jochen Lengemann, meine Damen und Herren, trat auch in diesem hohen Amt stets als Vermittler und ausgleichender Koordinator auf, der die Prinzipien der Neutralität, Solidarität und Seriosität in den Vordergrund seines Denkens und Handelns stellte.

Das fundierte Wissen über die parlamentarische Geschichte, ebenso wie die profunden Kenntnisse des nationalen und internationalen Parlamentsrechts haben nicht unmaßgeblich zu seiner Souveränität im Amte beigetragen.

Der damalige hessische Ministerpräsident Walter Wallmann würdigte Sie, sehr geehrter Herr Lengemann, in diesem Zusammenhang insbesondere als einen "Mann des Parlaments" und als einen überzeugten Demokraten, der immer in der Lage war, auch über Parteigrenzen hinwegzuschauen.

1990 nahm die politischen Laufbahn Jochen Lengemanns dann eine entscheidend andere - von Wiesbaden aus geografisch gesehen - eine nord-östliche Richtung.

Es war das Jahr der deutschen Wiedervereinigung, als Sie dem Ruf in unser Nachbarland Thüringen folgten und dort eine neue und große Herausforderung suchten und fanden.

Als Thüringer Minister für besondere Aufgaben haben Sie dort nach der Wende einen wichtigen Beitrag zum Vollzug der Deutschen Einheit geleistet. Leiten ließen Sie sich bei Ihrer Mitwirkung am Aufbau der neu zu entwickelnden Staatsstrukturen von Ihrer tiefen persönlichen Verwurzelung in einer demokratischen, den rechtsstaatlichen Prinzipien verpflichteten Gesinnung.

Gemeinsam mit Hans Krollmann brachten Sie neben vielem anderen auch das wichtige und Weichen stellende sogenannte "Gesetz zur Verbesserung der Verwaltungsstruktur" auf den Weg.

Meine Damen und Herren,
Jochen Lengemann hat in den vielen Jahren seines beruflichen und ehrenamtlichen Wirkens auf kommunalpolitischer, landespolitischer und gesamtstaatlicher Ebene seine Kraft, sein Wissen, seine umfassende Erfahrung und Loyalität in den Dienst unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung gestellt.

Neben dem beruflichen war Ihnen immer auch ein umfängliches zivilgesellschaft- bürgerschaftliches Engagement zueigen. Mit großer Energie haben Sie sich hier umfassenden Publikationstätigkeiten zur hessischen und thüringischen Landes- und Parlamentsgeschichte gewidmet, wobei der persönliche Fokus meist auf der Aufarbeitung von Biografien lag und liegt. Es sind immer zuerst auch die Menschen, die handelnden Persönlichkeiten, die Ihr Interesse wecken und die Sie dann, sehr geehrter Herr Lengemann, mit ausgewiesenem Sachverstand in die politisch-historischen Zusammenhänge einzuordnen wissen.

Komplettiert wird Ihr ehrenamtliches Engagement durch die Mitwirkung in zahlreichen historischen Vereinigungen in Hessen und Thüringen, in denen Sie teilweise bereits seit 1963 als Mitglied oder in Vorstandsfunktionen aktiv sind.

Im Rahmen seiner jahrelangen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Parlamentarismus in Hessen hat Jochen Lengemann dabei auch in vorbildlicher Weise die Geschichte der kommunalen Selbstverwaltungskörperschaften in Kassel aufgearbeitet.

Aus Kasseler Sicht zu den herausragenden Arbeiten zählt dabei natürlich der 1. Band des Handbuches "Bürgerrepräsentation und Stadtregierung in Kassel 1835 - 1996", der 1996 im Rahmen einer Feierstunde der Stadtverordnetenversammlung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Diese fand damals aus Anlass des 50. Jahrestages der ersten Sitzung der Kasseler Stadtverordnentenversammlung nach dem 2. Weltkrieg statt.

Das vielbeachtet Werk listet auf fast 500 Seiten alle verfügbaren Namen und Zahlen zur Kommunalen Selbstverwaltung in Kassel auf.

Im Juli letzten Jahren konnten wir dann ebenfalls im Rahmen einer Feierstunde - diesmal aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Kasseler Rathauses - den 2. Band mit rund 750 Kurzbiografien kommunalpolitischer Amts- und Mandatsträger aus Ihren Händen entgegen nehmen. Und wir hoffen, dass der dritte Band, wenn Kassel 2013 das 1100-jährige Jubiläum feiert, die Arbeit vollendet.

Meine Damen und Herren,
die Stadt Kassel ist Jochen Lengemann zu großem Dank verpflichtet. Deshalb würdigt seine Vaterstadt ihn ob seiner herausragenden Verdienste um das Allgemeinwohl und seines beispielgebendes Engagements für eine aktive Bürgergesellschaft mit der höchsten Auszeichnung, die sie zu vergeben hat.

Sie verleiht Jochen Lengemann das Ehrenbürgerrecht.

Porträt Richard Wurbs; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Richard Wurbs

Sehr geehrter Herr Wurbs,
mit Ihnen wird bereits das zweite Familienmitglied Ehrenbürger unserer Stadt. Ihr Ugroßonkel mütterlicherseits, der Maurermeister Georg Seidler, wurde am 14. Mai 1919 Ehrenbürger der Stadt Kassel – in Würdigung seiner insgesamt 44-jährigen verdienstvollen Tätigkeit in verschiedenen städtischen Körperschaften, davon 33 Jahre im Magistrat.

Auch dessen Vater, Heinrich Seidler, spielte in der Kommunalpolitik im 19.Jahrhundert eine wesentliche Rolle. In den Revolutionsjahren 1831 und 1848 stand er als Kommandant an der Spitze der Bürgergarde und zeichnete sich durch eine vermittelnde Rolle zwischen Kurfürst und Volk aus. Nach ihm ist die Seidlerstraße benannt. Sie, sehr geehrter Herr Wurbs, setzen heute somit eine gute Familientradition fort.

Ihre Ämter waren so zahlreich wie Ihre Verdienste. Sie sind ein herausragender Vertreter des mittelständischen Unternehmertums, der den Mittelstand als Rückgrat für politische und ökonomische Stabilität begreift.

Und der die Tugenden, die das Handwerk stets ausgezeichnet haben, immer gelebt hat: wertorientiert zu handeln, Verantwortung zu zeigen, seriös und maßvoll zu bleiben und mit Augenmaß die Entwicklung des eigenen Unternehmens voranzubringen.

1949 bestanden Sie nicht nur Ihre Meisterprüfung, sondern schlossen auch das Ingenieurstudium in der Fachrichtung Hochbau ab. Von 1971 bis 1989 waren Sie Alleininhaber des 1895 gegründeten elterlichen Baugeschäfts.

1959 begann Ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Handwerksorganisation. Damals wurden Sie in den Vorstand des Verbandes baugewerblicher Unternehmer Hessen gewählt.

Acht Jahre später wählte Sie die Vollversammlung der Handwerkskammer Kassel zum Präsidenten. Dieses Amt hatten Sie ein Vierteljahrhundert inne. Mit Geschick und Beharrlichkeit gestalteten und stärkten Sie die Handwerksorganisation.

Und das taten Sie so erfolgreich, dass für ganz viele Sie die Handwerkskammer Kassel waren. So einfach lassen sich Ihr Einfluss und Ihre gestaltende Kraft in dieser Körperschaft auf einen Nenner bringen.

Am Ende dieser beeindruckenden Ära ehrte Sie die Vollversammlung des Handwerkskammer mit der Wahl zum Ehrenpräsidenten. Gleiches tat die Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern:    Dort, wie auch beim Hessischen Handwerkskammertag waren Sie von 1979 bis 1989 deren Präsident. Zudem übten Sie das Amt des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern aus. Und von 1973 bis 1989 waren Sie Vizepräsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.

Als Doyen des hessischen Handwerks betitelte Sie die Deutsche Handwerkszeitung, als Sie Ihr Amt in jüngere Hände abgaben. Und Ministerpräsident Hans Eichel würdigte bei einem Empfang zu Ihren Ehren die Rolle des Handwerks bei der erfolgreichen Entwicklung Hessens und Ihren persönlichen Beitrag, den Sie dazu geleistet haben.

Und dann ist da noch der Politiker Richard Wurbs. Sie haben sich sehr früh in Ihrer Heimatstadt Kassel politisch engagiert. Ihrem liberalen Grundverständnis entsprechend fanden Sie Ihre politische Heimat in der FDP. Von 1960 bis 1968 waren Sie Mitglied der Stadtverordnetenversammlung.

1965 wurden Sie erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt; Sie blieben Bundestagsabgeordneter bis 1984. Höhepunkt Ihrer politischen Karriere in Bonn waren ohne Zweifel die fünf Jahre als Vizepräsident des Bundestages von 1979 bis 1984.

In dieser Zeit gehörten Sie auch dem Präsidiums der FDP an. Ein Mann mit Rückgrat, echt, unverfälscht, nicht zu verbiegen: das waren Eigenschaften, die man Ihnen im politischen Bonn nachsagte.

In der FDP-Bundestagsfraktion leiteten Sie mehrere Jahre die Arbeitskreise Wirtschaft und Finanzen sowie Mittelstand. Im Bundestag beschäftigten Sie sich vor allem mit den Themen Kommunalpolitik, Raumordnung, Städtebau und Wohnungswesen. Sie gelten als einer der Väter des Städtebauförderungsgesetzes von 1971, einem Meilenstein bundesrepublikanischen Baurechts.

"Wenn man heute durch unsere Städte und Gemeinden fährt, kann man noch überall die segensreichen Folgen der Zusammenarbeit der beiden Kasseläner Wurbs und Lauritzen sehen", sagte der damalige Ministerpräsident Hans Eichel beim Empfang in Wiesbaden, mit dem der Hessische Handwerkstag Sie feierlich verabschiedete.

Es nötigt uns im Rückblick den allergrößten Respekt ab, wie Sie das Wunder vollbracht haben, einen Handwerksbetrieb erfolgreich zu führen, und dazu noch eine so prägende Rolle in der berufsständischen Organisation und in der Politik zu spielen.

Sehr geehrter Herr Wurbs,
Ihr jahrzehntelanges Wirken wurde mit vielen Auszeichnungen bedacht: etwa mit der Carl-Schomburg-Plakette der Stadt Kassel, der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen, dem Ehrenring des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit Stern der Republik Österreich sowie dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland.

Und mit dem heutigen Tage sind Sie Ehrenbürger der Stadt Kassel.

Das Ehrenamt und der Einsatz für unser Gemeinwesen waren Ihnen zeitlebens Herzensangelegenheit, Ehrensache und Verpflichtung zugleich.

Anlässlich Ihres 75. Geburtstages forderten Sie in einer engagierten Ansprache vor Weggefährten und Freunden den Einsatz der Bürger für unsere Demokratie. Die Bürger müssten sich insgesamt mehr engagieren, Idealismus zeigen und sich mit ihrem Land identifizieren. Dieser Appell ist heute so aktuell wie damals.

In all Ihren Funktionen zeichneten Sie sich durch Ihre Fähigkeit aus, bei widerstreitenden Interessen zu vermitteln und sich stets um Kompromisse zu bemühen. In Politik und Handwerk genossen Sie wegen Ihrer Zielstrebigkeit, Ihres ausgleichenden Charakters und Ihres an der Sache ausgerichteten Denkens und Handelns hohes Ansehen.

Sie waren dabei stets ein Motor und Ideengeber für die wirtschaftliche Entwicklung Ihrer Heimatstadt, die Ihnen heute etwas von dem zurückgibt, was Sie für sie in so hervorragender Weise geleistet haben. Herzlichen Dank dafür, sehr geehrter Herr Wurbs.

Veröffentlicht am:   02. 02. 2010  


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