Ehrennadel der Stadt Kassel für Massimo Alberti und Goldene Ehrennadel der Stadt Kassel für Diodoro Cocca

10. September 2009
Rathaus, Karl-Branner-Halle

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Cocca,
sehr geehrter Herr Alberti,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen der Stadt Kassel, meiner Kolleginnen und Kollegen des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung begrüße ich Sie sehr herzlich in der Karl-Branner-Halle, um mit Massimo Alberti und Diodoro Cocca zwei sehr verdiente Persönlichkeiten zu ehren. Ich freue mich ebenso über die Anwesenheit von Rosa Righetti und Luigina Fumaneri, die heute stellvertretend für die Volontari Campo Reduci aus Pescantina geehrt werden. Ebenso soll im Rahmen dieses Empfangs das besondere Engagement von Don Alberto Celeghin gewürdigt werden; er ist der Direktor der zentralen Gedenkstätte der Internierten Italiens. Herzlich willkommen!´

Ich begrüße unter den Gästen unserer heutigen Feierstunde den Generalkonsul Italiens in Deutschland, Herrn Dr. Bernardo Carloni. Herr Generalkonsul, seien Sie auf das Herzlichste willkommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor einem Jahr standen wir in Pescantina vor dem Denkmal der verstorbenen Internierten, um uns gemeinsam an die Menschen zu erinnern, deren Schicksal uns heute noch sehr nah geht. Und vor wenigen Stunden waren viele von Ihnen auf dem Platz des Gedenkens - unweit der Stelle, wo am 31. März 1945, wenige Tage vor Ende des Krieges, 78 italienische Zwangsarbeiter denunziert und erschossen wurden, weil sie sich aus Hunger Lebensmittel aus Waggons geholt hatten.

Was diesen Menschen angetan wurde, darf sich niemals wiederholen. Sie wollen und dürfen wir nicht vergessen. Und so mahnt uns ihr Schicksal, dass wir uns unablässig für Menschenwürde, Freiheit und Toleranz einsetzen. Dass wir Brücken bauen, und aufeinander zugehen. Dass wir uns für ein freundschaftliches und solidarisches Zusammenleben zwischen unseren beiden Völkern einsetzen. Auf diesem Weg der Versöhnung haben sich Frauen und Männer in ganz hervorragender Weise ausgezeichnet. Ihnen zu Ehren sind wir heute hier im Kasseler Rathaus zusammen gekommen.

Ich möchte mit Ihnen beginnen, sehr geehrter Herr Alberti.

Sie kamen am 17. Mai 1944 in dem kleinen Städtchen Calcinato während eines Bombenangriffs auf die Welt. Es war keine gute Zeit für eine Kindheit, wie sie unseren Kindern heute geschenkt wird. Es war die Zeit des Wiederaufbaus, und die war geprägt von Entbehrungen und harter Arbeit. Was die zurückgekehrten Soldaten und Kriegsgefangenen berichteten, weckte in Ihnen die Neugier und das Interesse zu ergründen, was damals genau geschah. Sie verschlangen Buch um Buch, um mehr über die beiden Weltkriege zu erfahren. Sie verbrachten einen Großteil Ihrer Freizeit und Urlaube damit, an den Orten der ehemaligen Schlachtfeldern nach den Geschichten hinter der Geschichte zu suchen.

Und dort – so überliefern es Ihre Töchter – sollen Sie Stunden um Stunden über Schlachten, Generäle und deren Strategien, Waffen, Grenzen, Berge, Befehle, aber vor allem über Männer, die jede Würde in den Qualen des Krieges verloren hatten, geredet haben. Diese Leidenschaft für die Geschichte einzelner Menschen hat Sie eng mit den Organisationen der ehemaligen Zwangsarbeiter und Veteranen verbunden. Als Sie von der Initiative zu Gunsten der ehemaligen Zwangsarbeiter hörten, schlossen Sie sich ihr an.

Sie organisierten Besuche in Kassel und an den Gedenkstätten in Deutschland, Austauschreisen für italienische Schüler und Studenten an die Plätze, die unsere gemeinsame Geschichte so nachhaltig prägten. Viele Freundschaften sind auf diese Weise entstanden. Ihr Engagement, das sich mit der Beschäftigung der Geschichte herausbildete, hatte zum Ziel, der Jugend die Unmenschlichkeit des Krieges vor Augen zu führen. Ihnen geht es darum, in den Herzen junger Menschen das zu wecken, was Ihr eigenes Engagement ausgelöst hat. Gleichzeitig galten Ihre Bemühungen den Männern, die damals große Opfer gebracht haben und heute bereit sind, aus eigener Erfahrung zu berichten, was sie durchmachen mussten.

Aus dieser Motivation heraus gründeten Sie mit Freunden 1988 das "Centro Operativo di Soccorso Pubblico" (C.O.S.P.). Seit dem Jahr 2000 begannen Sie außerdem als freiwilliger Helfer tätig zu werden. Sie sind weiterhin Vizepräsident der "Gruppe der Senioren in Bovezzo", Ihrem jetzigen Wohnort. Hier organisieren Sie verschiedene Aktionen für Senioren, wie Feste, Reisen, leisten Gesellschaft und bieten Hilfe in allen Lebenslagen. Sie sind zudem Berater und Aktivist des Vereins "Kinder der Jugend 99" (figli dei ragazzi del 99) und haben bei vielen Gelegenheiten mit der nationalen Organisation der ehemaligen Zwangsarbeiter zusammengearbeitet (ANEI).

Als Zeichen der Anerkennung wurde Ihnen der Titel des "Cavaliere" der Italienischen Republik, und auf Empfehlung der ANEI der Titel des "Commendatore" verliehen.

Ich freue mich, Sie für Ihr herausragendes Engagement mit der Ehrennadel der Stadt Kassel zu ehren. Der Oberbürgermeister der Stadt Kassel verleiht sie als Dank und Anerkennung an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um das Gemeinwohl verdient gemacht haben.

Ich darf Sie nun bitten, die Ehrung in Empfang zu nehmen.

Sehr geehrter Herr Cocca,

Sie wurden am 15. Februar 1946 in San Marco die Cavoti, in der Provinz Benevento, geboren. Eine Gegend, die finanziell nicht auf Rosen gebettet war, aber in der die Menschen zusammenhielten. Es gibt viele Sanmarchesi, die an den Orten, die ihnen ein besseres Leben versprachen, inzwischen gut integriert sind, die aber immer noch starke Bindungen an ihre Heimat haben. Eine kleine Gruppe von ihnen machte sich auf den Weg nach Kassel. Unter ihnen war auch Diodoro Cocca, der 1964 in unsere Stadt kam, um hier sein Glück zu machen. Er fand eine Anstellung im VW-Werk Baunatal, wo er bis zu seiner Pensionierung beschäftigt war.

Ihr reges Interesse an Politik, sehr geehrter Herr Cocca, veranlasste Sie, sich auch gewerkschaftlich zu engagieren. Die ausländischen Arbeitnehmer wurden zunächst nur als reine Arbeitskraft gesehen, blieben aber von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Dass die ausländischen Mitarbeiter nur das Recht hatten, den Betriebsrat zu wählen, selbst aber nicht gewählt werden konnten, ließ Sie nicht ruhen. Als die ausländischen Kollegen nach langem Kampf das passive Wahlrecht erhielten, wurden Sie 1972 zum ersten ausländischen Mitglied der internen Kommission, später auch in den Betriebsrat gewählt.

Von 1980 bis 1995 waren Sie der Präsident der ausländischen Kommission der IG Metall in Kassel (für die Bundesländer Hessen, Rheinlandpfalz, Thüringen und des Saarlandes) und somit automatisch Mitglied der ausländischen Kommission auf Bundesebene. Außerdem engagierten Sie sich in der SPD, sind dort seit 40 Jahren Mitglied, und Ihnen gelang auch der Sprung in den Kreistag.

Integration in eine Gesellschaft setzt voraus, nie zu vergessen, woher man kommt und wie man angefangen hat. Ihnen war und ist es wichtig, sich in der Gesellschaft zu engagieren, die Ihnen eine neue Heimat geworden ist. Blickt man zurück auf die Geschichte der italienischen Gesellschaft und der italienischen Vereine in Kassel, dann trifft man immer wieder auf den Namen Diodoro Cocca.

Sie waren Gründungsmitglied des ASG Italia, spielten dort Fußball und waren Mitglied im Vorstand. Sie waren unter anderem gemeinsam mit Enrico Fabretti einer der ersten Initiatoren des Kulturzentrums Schlachthof, wo auch zahlreiche italienische Vereine (Filef, Acilef, Ital Uil) ihren Sitz fanden. Von hier aus lief auch die Korrespondenz mit dem italienischen Konsulat. Das Acilef, die Caritas und die italienische Mission im grünen Haus waren die Anlaufpunkte der italienschen Gemeinde in Kassel und Umgebung.

Die Arbeit im kulturellen und sozialen Bereich war sehr erfolgreich, weil sie unter dem Schirm des Comitato d’Intesa koordiniert wurde. Durch diese rührige Arbeit über viele Jahrzehnte hinweg gelangte ganz sicher ein Stück italienische Lebensweise in unseren Kasseler Alltag.

In bemerkenswerter Weise brachten Sie Ihr Wissen und Ihre Erfahrung auch in die Arbeit der Ausländerbeiräte in Stadt und Landkreis ein. Sie haben es in all Ihren ehrenamtlichen Aufgaben und Funktionen stets verstanden, mit schwierigen Situationen umzugehen, im Dienst der Sache Kompromisse zu suchen und Lösungen zu finden. Sie haben damit einen großen Beitrag zur Verständigung von verschiedenen kulturellen Gruppen geleistet. Diese Einstellung ist es, die den Comitato d‘Intesa in Kassel zu großer Anerkennung verholfen hat. Und deshalb wurden viele durch den Comitato initiierten Aktionen, wie die Besuche der ehemaligen Zwangsarbeiter und die Einladung zum Austausch zwischen italienischen und deutschen Institutionen, ein voller Erfolg.

Lieber Herr Cocca,

Sie haben sich in den 45 Jahren seit Ihrer Ankunft in Kassel in vielfältiger Weise um das Wohl der Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger verdient gemacht. Dafür soll Ihnen heute in Form der Goldenen Ehrennadel der Stadt Kassel Dank, Wertschätzung und Anerkennung entgegengebracht werden.


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in unserer heutigen Feierstunde werde ich zwei Urkunden als Dank und Anerkennung überreichen. Die erste ist der Volontari Campo Reduci aus Pescantina gewidmet.

Pescantina ist ein Dorf in der Nähe von Verona. Es befindet sich auf der Bahnlinie zum Brenner, die für die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs strategisch sehr bedeutend war. Ab dem 8. September 1943 fuhren auf dieser Strecke die Deportationszüge, die Gefangene nach Deutschland brachten. Diese Züge hielten öfter am nahegelegenen Bahnhof von Balconi. Als die Bevölkerung erfuhr, wie schwierig die Lage für die Soldaten war, schloss man sich zusammen, um den in den Viehwaggons zusammengepferchten Männern zu helfen. Wasser und Lebensmittel wurde ihnen gereicht, sowie Bleistifte und Blätter, damit die Gefangenen ihre Namen und die Adresse ihrer Angehörigen notieren konnten. Auf eigene Kosten informierten die Helferinnen und Helfer aus Pescantina die Familien der Gefangenen über deren Durchreise.

Als nach Ende des Krieges die ehemaligen Kriegsgefangenen wieder zurück nach Italien kamen, spielte wiederum Pescantina eine besondere Rolle. Denn aufgrund vieler Zerstörungen war der Bahnhof von Pescantina der einzige nutzbare Bahnhof für diese Bahnlinie. In Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz wurde ein Auffanglager eingerichtet. Die Nachfrage nach ehrenamtlichen bzw. freiwilligen Helfern war enorm. Die Einwohner von Pescantina und der umliegenden Gemeinden folgen großzügig diesem Aufruf.

Ihnen bot sich ein schrecklicher Anblick: verängstigte, halb verhungerte Menschen, die oft sogar Angst hatten, auch nur aus dem Zug auszusteigen. Nach Jahren des Hasses und der Verachtung sahen diese Menschen nun wieder lächelnde Helferinnen, die sie einluden, aus dem Zug zu steigen, ihnen Essen anboten und ihnen Halt gaben. Der Präsident der Italienischen Republik zeichnete die Stadt Pescantina mit einem goldenen Orden aus, weil deren Bewohner in höchstem Grad Mitgefühl, Solidarität und Menschlichkeit bewiesen und den Deportierten Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung gegeben haben.

Die freiwilligen Helfer von Pescantina, die das Auffanglager der Überlebenden betreuten, bemühen sich noch heute, die Erinnerung an diese Zeit lebendig zu erhalten, damit sich diese Ereignisse nicht wiederholen. Stellvertretend möchte ich deshalb Rosa Righetti und Luigina Fumaneri bitten, die Urkunde entgegenzunehmen.

Meine Damen und Herren,

schließlich möchte ich Don Alberto Celeghin für seinen unermüdlichen Einsatz im Tempel des unbekannten Internierten in Padua eine Urkunde widmen.

Zum Hintergrund:
Die Initiative für eine zentrale Gedenkstätte der Internierten Italiens geht auf Don Giovanni Fortin zurück, der Priester in Terranegra di Padova war. Er wurde selbst gefangen genommen und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Er ließ nach seiner Befreiung eine Gedenkstätte in seiner Kirche erreichten, den "Tempel des unbekannten Internierten". Er wollte für diejenigen einen angemessenen Ort des Gedenkens und der Erinnerung schaffen, die während ihrer Gefangenschaft in den Konzentrationslagern und im Krieg auf tragische Weise ums Leben kamen. Er sollte den nachfolgenden Generationen als Mahnung dienen, dass sich diese Geschehnisse nie wiederholen.

Sie, Don Alberto Celeghin, führen als Nachfolger von Don Giovanni, sein wertvolles Werk und seien Arbeit fort. Nachdem Sie von der Initiative der italienischen Gemeinschaft in Kassel erfuhren, eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die erschossenen Zwangsarbeiter zu errichten, reisten Sie nach Kassel, um bei der Umsetzung Ihre Hilfe anzubieten. Auch Dank Ihrer Unterstützung konnte 1999 am Bahnhof Wilhelmshöhe die Gedenktafel eingeweiht werden. Sie waren es auch, der das Treffen der deutschen und italienischen Delegationen in Kassel ermöglicht hat.

Sie leisten mit Ihrem Engagement einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an unvorstellbares Leid, das Menschen erdulden mussten, und gleichzeitig liegt Ihnen die Versöhnung und Völkerverständigung am Herzen, damit wir gemeinsam an der Gestaltung einer menschenwürdigen Gegenwart und Zukunft mitwirken – ganz im Sinne des Begründers der zentralen Gedenkstätte.

Ich bitte Sie sehr herzlich, die Urkunde entgegenzunehmen.


Veröffentlicht am:   21. 01. 2010  


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