Halitplatz - Erinnerung an Halit Yozgat

Straßenschild Halitplatz; © Stadt Kassel/Foto: Kaiser

Unter großer öffentlicher Anteilnahme ist in Kassel am 6. April des 10. Todestages von Halit Yozgat gedacht worden. Der Kasseler war 2006 von Neonazis ermordet worden. Zur Gedenkveranstaltung luden Oberbürgermeister Bertram Hilgen, die Familie Yozgat und der Ausländerbeirat der Stadt Kassel ein. 

Junges Mädchen betrachtet die Fotos der NSU-Mordopfer am Halitplatz; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab

Eröffnet wurde die Gedenkveranstaltung, zu der sich mehrere hundert Bürgerinnen und Bürger am Halitplatz versammelt hatten, von einem Gebet, welches anschließend auch auf Deutsch übersetzt wurde. Wortbeiträge vom stellvertretenden Ministerpräsident Tarek Al-Wazir, Stadträtin Anne Janz und dem türkischen Generalkonsul Mustafa Celik folgten. Der Forderung des Vize-Ministerpräsidenten, man müsse Hetze und Rassismus entschieden entgegentreten, schloss sich Anne Janz an: "Kassel ist bunt - und das ist gut so."

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opferfamilien, Barbara John, der Vater des ermordeten Halit Yozgat, Ismail Yozgat, sowie der Vorsitzende des Kasseler Ausländerbeirats, Kamil Saygin, sprachen ebenfalls zur anteilnehmenden Menge auf dem Halitplatz.

Aus Anlass des Gedenkens ist im Rathaus eine Ausstellung über rechten Terror mit dem Titel "Weisse Wölfe" zu sehen. Sie ist bis zum 12. April verlängert worden und wird ab 18. April in der Elisabeth-Knipping-Schule gezeigt.

Der Halitplatz setzt ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Gewalt sowie für gegenseitigen Respekt und Menschenwürde in Deutschland. Er gibt dem gemeinsamen Erinnern an Halit Yozgat und an die anderen NSU-Opfer Raum.

Rede (es gilt das gesprochene Wort)

Stellvertretender Ministerpräsident Land Hessen, Tarek Al-Wazir; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab Tarek Al-Wazir, Stellvertretender Ministerpräsident Land Hessen

Stadträtin Anne Janz; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab Anne Janz, Stadträtin

Türkischer Generalkonsul, Mustafa Celik; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab Mustafa Celik, Türkischer Generalkonsul

Vater des ermordeten Halit Yozgat, Ismail Yozgat und ; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab Ismail Yozgat, Vater des ermordeten Halit Yozgat, und Ayse Gülec vom Kulturzentrum Schlachthof

Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opferfamilien, Barbara John; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opferfamilien

Vorsitzender des Kasseler Ausländerbeirats, Kamil Saygin; © Stadt Kassel; Foto: Michael Schwab Kamil Saygin, Vorsitzender des Kasseler Ausländerbeirats

Der Kasseler Bürger Halit Yozgat war am 6. April  2006 in seinem Internetcafé in der Nordstadt von der rechtsextremen terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)   erschossen worden. Der Mordserie fielen zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 zehn Menschen zum Opfer. Die Aufarbeitung der Taten beschäftigt Justiz und Staatsorgane bis heute.

  

Weitere Informationen und Hintergründe

Sonntag, 6. April 2014 - Gedenkveranstaltung zum 8. Todestag
Die Stadt Kassel erinnerte mit einer Gedenkveranstaltung am Sonntag, 6. April 2014, auf dem Halitplatz an den 8. Todestag von Halit Yozgat, der im Jahr 2006 von Rechtsterroristen in seinem Internetcafé in der Holländischen Straße ermordet wurde.

Am Gedenkstein für die Opfer der Neonazi-Mordserie sagte Stadtverordnetenvorsteherin Petra Friedrich, Halit Yozgat sei der Sohn einer türkischen Familie gewesen, die in der Kasseler Nordstadt ihre Heimat gefunden habe. Quälend lange haben die Angehörigen keine Antwort auf ihre Frage nach dem ‚Warum?‘ bekommen. Stattdessen seien sie falschen Verdächtigungen und Spekulationen ausgesetzt gewesen. Das Verbrechen müsse nahtlos aufgeklärt werden, so etwas dürfe nie wieder passieren.

Friedrich abschließend: „Der Kasseler Weg der Integration ist das Gespräch, der Dialog. Daran wirken alle, Ausländerbeirat und Kommunalpolitik, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Nachbarschaften und Vereine mit. Auf diese Kultur der Zusammenarbeit in unserer Stadt bin ich stolz. Helfen Sie mit, auch in Zukunft für gegenseitigen Respekt, Anerkennung und Gleichberechtigung einzutreten. Helfen Sie mit, dass Kassel weltoffen und eine friedliche Heimatstadt für uns alle bleibt.“

Gedenkveranstaltung Halit; © Stadt Kassel Stadtverordnetenvorsteherin Friedrich hielt die Gedenkansprache.

Gedenkveranstaltung Halit; © Stadt Kassel Rund 400 Menschen gedachten am 8. Todestag dem Ermordeten.

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1. Oktober 2012 - Einweihung Halitplatz

In einer bewegenden Feier ist in Kassel der Halitplatz an der Holländischen Straße eingeweiht worden. Damit wird nun im Straßenbild an Halit Yozgat erinnert, der 2006 ganz in der Nähe des Platzes in seinem Internetcafé von der rechtsterroristischen Gruppe „NSU“ ermordet wurde. Gemeinsam mit der Familie enthüllten neben Oberbürgermeister Hilgen, Repräsentanten der Stadt und des Staates das Schild „Halitplatz“ sowie einen Gedenkstein.

Reden anlässlich der Einweihung des Halitplatzes und der Enthüllung des Gedenksteins

Die Einweihung wurde zu einem beeindruckenden Zeichen gegen Rechtsextremismus und Gewalt sowie für gegenseitigen Respekt und Menschenwürde in Deutschland. Mehrere Hundert Menschen nahmen an der Zeremonie teil, darunter der türkische Botschafter in Deutschland, Avni Karslioglu, sowie mehrere Minister der Landesregierungen von Hessen und Thüringen sowie eine große Anzahl politischer Prominenz.

Vater Ismael Yozgat am Rednerpult; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski Vater Ismael Yozgat am Rednerpult

Oberbürgermeister Bertram Hilgen am Rednerpult; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski Oberbürgermeister Bertram Hilgen am Rednerpult

„Er war ein geachteter Nachbar. Er war Kasseler Bürger. Er war einer von uns“, hieß es in einer Grußbotschaft von Bundespräsident Joachim Gauck. Es sei nicht zu verstehen, dass sich rechter Hass so ungebremst habe Bahn brechen können. Um alles aufzuarbeiten, müssten Verantwortlichkeiten benannt und Versäumnisse bekannt werden. Der Bundespräsident dankte dem Vater Ismail Yozgat, der aus dem Namen seines Sohnes nicht nur ein Zeichen der Erinnerung, sondern auch ein Symbol der Hoffnung gemacht habe. Der Stadt dankte das Staatsoberhaupt, weil sie dem gemeinsamen Erinnern an Halit und an die anderen NSU-Opfer Raum gibt.

Straßenschild wird enthüllt; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski Viele Hände enthüllen das Straßenschild Halitplatz

Gedenkstein wird enthüllt; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski Der Gedenkstein am Halitplatz wird durch die Eltern und Hessens Stellvertretender Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn enthüllt

Ismael Yozgat, der Vater Halit Yozgats, bedankte sich ebenfalls bei der Stadt und ausdrücklich bei Oberbürgermeister Bertram Hilgen für seine persönlichen Anteilnahme und seinen Einsatz. Mit der Namensgebung werde seinem Sohn ein gutes Andenken in Kassel bewahrt. Er vertraue darauf, dass der Rechtsstaat Deutschland alles für die Aufklärung der Mordserie unternehmen und die Täter bestrafen werde.

Nach einem Gebet eines islamischen Geistlichen zu Beginn hatte Kassels Oberbürgermeister an den Mord in Kassel und dessen Bedeutung für die Familie erinnert sowie auch die politische Dimension der Mordserie für die Bundesrepublik angesprochen. Die bislang noch offen gebliebene Fragen müsse ein Rechtsstaat wie die Bundesrepublik Deutschland glasklar beantworten. „Dies sind wir unseren Einwohnern mit türkischer Wurzel, aber auch allen anderen schuldig.“ Sollten sich Fehlleistungen von Beteiligten herausstellen, so müssen diese unnachsichtig geahndet werden. Rund ein Drittel der Kasseler Einwohner habe heute Migrationshintergrund. Er sei stolz auf die Kultur der Zusammenarbeit in Kassel.

Impressionen der Einweihung; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Impressionen der Einweihung; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Hessens Stellvertretender Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn entschuldigte sich für das Versagen des Staates und die infolge der Untersuchungen aufgedeckten Missstände. Auch der Justizminister Thüringens, von wo aus die Terrorgruppe agierte und wo sie schließlich auch der Polizei ins Netz ging, betonte die Bedeutung der Aufklärung. Der türkische BotschafterAvni Karslioglu kritisierte den falschen Gebrauch von Begrifflichkeiten - wie "Dönermorde" oder Soko Bosporus" - im Zusammenhang mit der Mordserie, wichtig sei der Respekt füreinander. 

Der Gedenkstein wird eine Metalltafel mit einer Inschrift tragen, die mit den weiteren sechs von der Mordserie betroffenen Städten Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund und Heilbronn abgestimmt und – unter Hervorhebung des jeweils lokalen Mordopfers – einheitlich ist.

Die Gestaltung des „Halitplatzes“ wurde mit der Familie des Ermordeten und den Anrainern abgestimmt und nimmt auf ihre Wünsche Rücksicht – unter anderem durch die Pflanzung des Gedenkbaums, einer Kirsche, deren Früchte sollen symbolisch als gute Tat des Ermordeten für die Hinterbliebenen gelten.


5. Juni 2012 - Magistrat für Halitplatz

Den Platz zwischen Holländischer Straße, Mombachstraße und Hauptfriedhof als Halitplatz zu benennen, hat jetzt der Magistrat der Stadt Kassel dem Ortsbeirat Nord-Holland vorgeschlagen. Wie Oberbürgermeister Bertram Hilgen mitteilte, solle die Benennung in Erinnerung an Halit Yozgat erfolgen, der am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in unmittelbarer Nähe dieses Platzes in der Holländischen Straße 82 einem rechtsterroristischen Mordanschlag zum Opfer gefallen war. Der zur Benennung vorgesehene Platz solle zum Ort des Gedenkens werden, an dem auch eine Inschrift zur Erinnerung und Mahnung angebracht werde, kündigte Hilgen an.

Nach Mitteilung von Stadtbaurat Christof Nolda wird das Straßenschild folgende Informationen enthalten: "Halitplatz - Halit Yozgat, 1985 - 2006 - Opfer eines rechtsterroristischen Mordanschlages am 6.4.2006".


6. April 2012 - Große Anteilnahme am Jahrestag der Ermordung von Halit Yozgat

Anlässlich des sechsten Jahrestages der Bluttat hat Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen am Karfreitag in einer öffentlichen Gedenkveranstaltung, an der rund 400 Menschen teilnahmen, des von Neonazis in Kassel ermordeten Halit Yozgats gedacht. Im Beisein der Familie Yozgat und des türkischen Generalkonsuls Ilhan Saygili legte er am Ort des Geschehens in der Holländischen Straße Blumen zur Erinnerung an den Ermordeten nieder.

Oberbürgermeister Bertram Hilgen legt zum Gedenken einen Kranz nieder; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Von links: Ilhan Saygili, türkischer Generalkonsul, Ismail Yozgat, der Vater des ermordeten Halit Yozgat, und Oberbürgermeister Bertram Hilgen; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Halit Yozgat könne noch leben, wenn die Zusammenhänge früher erkannt worden wären, sagte der Oberbürgermeister nach einer Schweigeminute. Es sei beschämend, dass die Mordserie der Neonazis über zehn Jahre nicht erkannt worden sei. Stattdessen seien die Angehörigen zum Teil jahrelanger polizeilicher Ermittlungen ausgesetzt gewesen. „Können wir auch nur ansatzweise ermessen, was die falschen Verdächtigungen und die jahrelange Ungewissheit für die Familien bedeutet haben müssen?“, fragte der Oberbürgermeister.

Hilgen zog Parallelen zwischen der Neonazi-Mordserie und zwei anderen historischen Verbrechen in Kassel. Am Karfreitag 1945, damals der 30. März, seien zwölf Männer auf dem Friedhof in Kassel-Wehlheiden genauso Opfer faschistischer Gewalt geworden. Und 1922 am Pfingstsonntag, 4. Juni, wurde ein rechtsterroristischer Säure-Anschlag auf den früheren Reichskanzler und Kasseler Oberbürgermeister Philipp Scheidemann verübt, nach dem heute das ganz in der Nähe des Mordanschlags auf Halit Yozgat gelegene Scheidemann-Haus benannt ist.

Das neue, demokratische Deutschland habe die Lehren aus der Nazi-Vergangenheit gezogen, sagte der Kasseler Oberbürgermeister: „Ein starker Staat widersteht rechtsradikaler Gewalt und wird mit aller Härte gegen diejenigen vorgehen, die unsere Demokratie infrage stellen. Ein starker Staat zeigt Mitgefühl mit den Opfern, mit denen, die wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens bedroht werden.“

Oberbürgermeister Bertram Hilgen spricht während der Gedenkfeier für Halit Yozgat; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Etwa 400 Menschen nahmen an der Gedenkveranstaltung für Halit Yozgat am Freitag, 6. April, teil. ; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Auch der Generalkonsul der Republik Türkei, Ilhan Saygili verwies darauf, dass die öffentliche Behörden, Medien und Gesellschaft den Morden lange Zeit nicht die erforderliche Bedeutung beigemessen und sie als „Dönermorde“ bezeichnet hätten. Er sagte: „Der rassistische Terror hat die Absicht, zwischen den in Deutschland lebenden Menschen Hass zu säen. Die Schüsse auf Halit Yozgat und die anderen Opfer waren eigentlich gegen die türkisch-deutsche Freundschaft gerichtet. Diese Morde dürfen sich auf die Beziehungen unserer Landsleute sowohl zu ihren deutschen Nachbarn als auch zu den deutschen Behörden keineswegs negativ auswirken. Ganz im Gegenteil, es bedarf jetzt umso mehr der Solidarität, des gegenseitigen Verständnisses und Dialogs.

Bezogen auf die Entscheidung, einen Platz statt der Holländischen Straße nach Halit Yozgat zu benennen, erklärte er: „Wir erkennen dies als einen wichtigen Schritt an.“

Ismail Yozgat, der Vater des Kasseler Opfers, bezeichnete die Benennung des Platzes und der Straßenbahnhaltestelle als einen wichtigen Schritt und äußerte den Wunsch, dass an jedem Jahrestag der Ermordung seines Sohnes auf dem Platz gedacht werde.

Halit Yozgat war am 6. April 2006 Opfer von Tätern aus der Neonazis-Szene erschossen worden. Er war einer von zehn Menschen, die Opfer der Rechtsterroristen wurden, darunter eine Polizistin und neun Männer, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat gefunden hatten. Dass es sich bei den Taten in den Jahren 2000 bis 2006 um eine gezielte Mordserie handelte, war den Ermittlungsbehörden über lange Zeit verborgen geblieben und kam erst vor einigen Monaten ans Licht.

In allen sieben Städten, in denen die Morde verübt wurden, sollen in abgestimmter Form Gedenktafeln an die Opfer erinnern. In Kassel soll außerdem ein Platz in der Nähe des Tatorts Halit-Platz benannt werden und eine Straßenbahnhaltestelle seinen Namen tragen.




3. April 2012 - Sieben deutsche Städte erinnern gemeinsam an die Opfer der Neonazi-Mordserie

Die sieben von der Neonazi-Mordserie betroffenen deutschen Städte Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund, Kassel und Heilbronn erinnern in einer gemeinsamen Initiative an die Opfer der rechtsextremen terroristischen Gruppe „NSU“ und rufen zum gesellschaftlichen Widerstand auf. In einer Erklärung gedenken die Städte der zehn Opfer, darunter neun Menschen, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben, sowie eine Polizistin.

Zugleich äußern sie sich bestürzt und beschämt darüber, dass diese „Morde aus Menschenverachtung“ über zehn Jahre nicht als Taten von Neonazis erkannt wurden. Die rechtsextreme Gruppe verübte die zehn Morde zwischen 2000 und 2007. Als Terrorakte aufgedeckt wurde die Serie erst im Jahr 2011.

Sieben deutsche Städte - Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund, Kassel und Heilbronn - erinnern gemeinsam an die Opfer der Neonazi-Mordserie

Mit ihrer Erklärung kündigen die sieben Städte an, vor Ort der Opfer zu gedenken – durch das Anbringen einer Gedenktafel oder die Schaffung von Orten des Gedenkens, gegebenenfalls auch in Verbindung mit bereits vorhandenen Denkmalen. Wichtig sei, an die Morde und die Opfer in allen Städten mit einer einheitlichen Botschaft zu erinnern und zugleich in allen Städten alle zehn Opfer namentlich aufzuführen. Nur dadurch würden die Morde in angemessener Weise als Serie und erschreckende Taten von ausländerfeindlichem Charakter gekennzeichnet.

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Die Initiative mit der gemeinsamen Erklärung ist zwischen den jeweiligen Oberbürgermeistern sowie dem Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg auf den Weg gebracht und abgestimmt worden. Den Politikern geht es darum, das Gedenken an die Opfer mit einer klaren Botschaft gegen rechtsextreme Gewalt zu verbinden, „die in unseren Städten keinen Platz hat.“ Die gemeinsame Erklärung endet deshalb mit der klaren Aussage „Wir sagen: Nie wieder!“

Eine besondere Betroffenheit sei zudem mit der Tatsache verbunden, dass die Morde über mehr als ein Jahrzehnt nicht als Taten von rechtsextremen Terroristen erkannt und aus diesem Grund im Umfeld der Opfer und ihrer Familien ermittelt wurde. Diese Umstände seien Anlass zu Bestürzung und Beschämung, so der Tenor der gemeinsamen Erklärung.

Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen sagte: „Wir tragen mit dieser Erinnerungsarbeit der Tatsache Rechnung, dass Täter aus der rechten Szene jahrelang morden konnten, ohne entdeckt zu werden. Es ist von besonderer Bedeutung, dass nicht nur in Kassel, sondern in allen Städten, die Opfer zu beklagen haben, diese Ungeheuerlichkeit nicht in Vergessenheit gerät, damit dies nicht wieder geschehen kann.“


Die gemeinsame Erklärung, die in geeigneter Weise in allen sieben Städten öffentlich gemacht werden soll, hat folgenden Wortlaut:

Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder! 

Wir trauern um

Enver Şimşek, 11. September 2000, Nürnberg
Abdurrahim Özüdoğru, 13. Juni 2001, Nürnberg
Süleyman Taşköprü, 27. Juni 2001, Hamburg
Habil Kılıç, 29. August 2001, München
Mehmet Turgut, 25. Februar 2004, Rostock
İsmail Yaşar, 9. Juni 2005, Nürnberg
Theodoros Boulgarides, 15. Juni 2005, München
Mehmet Kubaşık, 4. April 2006, Dortmund
Halit Yozgat, 6. April 2006, Kassel
Michéle Kiesewetter, 25. April 2007, Heilbronn
 
Gemeinsame Erklärung der Städte Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund, Kassel und Heilbronn, April 2012

Die einzelnen Städten entscheiden, in welcher Weise dieser Text in den Städten installiert wird - in Gestalt einer Tafel, einer Plakette oder als Inschrift - ob an einem Ort der Mordserie, an einer als Ort des Gedenkens gestalteten Fläche oder in sonstiger Form.


Blumenkränze zum Gedenken vor dem Haus in der Holländischen Straße 82, in dem Halit Yozgat ermordet wurde; © Stadt Kassel; Foto: Blumenkränze vor dem Haus Holländische Straße 82

In Kassel soll Platz nach Halit Yozgat benannt werden

In Kassel wird der Ort des Gedenkens der Platz Ecke Holländische Straße/ Mombachstraße gegenüber dem Philipp-Scheidemann-Haus sein, der in unmittelbarer Nähe zu dem Tatort Holländische Straße 82 liegt, wo das Kasseler Opfer Halit Yozgat in seinem Internetcafé ermordet wurde. Nicht weit entfernt ist auch die elterliche Wohnung. Der Ort wird Halit-Platz benannt, die Inschrift zur Erinnerung und Mahnung dort aufgestellt.

Die Stadt Kassel plant, den Ort des Gedenkens zügig einzurichten. Zudem setzt sich Oberbürgermeister Bertram Hilgen für die Umbenennung der Haltestelle Mombachstraße ein.

OB Hilgen sagte, dass alle Städte gemeinsam nach einer Form des Gedenkens gesucht hätten, mit der die Fassungslosigkeit angesichts der Vorgänge beschrieben werden kann und gleichzeitig in würdiger Form an die Opfer erinnert wird. „Wir müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass Täter aus der rechten Szene jahrelang morden konnten, ohne entdeckt zu werden. Es ist von besonderer Bedeutung, dass nicht nur in Kassel, sondern in allen Städten, die Opfer zu beklagen haben, diese Ungeheuerlichkeit nicht in Vergessenheit gerät, damit dies nicht wieder geschehen kann. Halit Yozgat, das vorletzte Opfer der Mordserie, könnte noch leben, wenn die Ermittlungsbehörden die Tatzusammenhänge früher erkannt hätten. “ Die Initiative für einen Ort des Gedenkens sei von Kassel ausgegangen, doch sehr schnell hätten alle Städte ihre Bereitschaft und ihr Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert.

Oberbürgermeister Hilgen betonte, dass die Rede von Ismail Yozgat bei der zentralen Gedenkfeier in Berlin dabei eine wichtige Rolle gespielt habe. Der Vater des ermordeten Kasselers hatte dort angeregt, die Holländische Straße in Kassel in Halitstraße umzubenennen, um eine dauerhafte Erinnerung an seinen Sohn zu schaffen. „Die Stadt Kassel“, so OB Hilgen, „hat diesen Anstoß und verständlichen Wunsch der Eltern aufgenommen und sorgfältig geprüft.“ Auch durch die Umbenennung der Holländischen Straße wäre die erschreckende Dimension der Mordserie, die der Staat nicht als solche erkannt und verhindert habe, nicht zum Ausdruck gekommen. Deshalb habe man einen anderen Weg gewählt.

Mit den Eltern und der Familie von Halit Yozgat ist die Entscheidung für die Benennung eines Platzes mit seinem Namen und die Anbringung einer Gedenktafel besprochen worden, bevor die Entscheidung an die Öffentlichkeit ging.


Hintergrund: Die Holländische Straße ist eng mit Kassels Geschichte verbunden

Kassels hat durch seine geografische Lage in der Mitte Deutschlands - nur unterbrochen durch die Zonenrandlage während des Kalten Kriegs - schon immer eine besondere Rolle gespielt: Fern der bedeutenden Macht- und Handelszentren lag Kassel im Schnittpunkt von Verkehrswegen, die diese miteinander verbanden. Seit Kassel 1277 hessische Hauptstadt wurde, hat die Stadt immer in Maßstäben und Bezügen gelebt, die weit über die eigene Umgebung hinauswiesen; es existierte eine jahrhundertealte Ausrichtung auf europäischen Zentren von Kunst und Wissenschaft.

Dies kommt auch im Straßennamen „Holländische Straße“ zum Ausdruck. Die Holländische Straße war lange Zeit ein holländischer Postkurs und somit ein Teil eines großen, alten Verkehrswegs zum Niederrhein und nach Holland; unter Landgraf Philipp dem Großmütigen wurde 1545 eine regelmäßige Postverbindung nach Leipzig mit einer Relaisstation bei Wanfried eingerichtet, die als Fortführung der Strecke nach Holland gedacht war. Weitere „Holländische Straßen“ in der Region verweisen ebenso auf diesen Zusammenhang.

Diese geschichtlichen Bezüge würden durch eine Umbenennung verloren gehen. Die Straße ist ferner eng mit der neueren Wirtschafts- und Industriegeschichte Kassels verbunden. Holländische Straße, Holländisches Tor, Holländischer Platz: Damit verbinden sich die große Industrietradition der Familie Henschel sowie die Entstehung des innenstadtnahen Arbeiterviertels.


Einstimmiger Stavo-Beschluss am 27. Februar 2012

Einstimmig haben alle Fraktionen und fraktionslosen Mitglieder der Kasseler Stadtverordnetenversammlung am 27. Februar 2012 beschlossen, eine "geeignete Form des Gedenkens und Mahnens" für die zehn Opfer der Neonazi-Mordserie - insbesondere des Kasseler Bürgers Halit Yozgat -  zu finden. Dazu soll der Magistrat in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten entsprechende Vorschläge erarbeiten. Dabei ist die gesellschaftliche Situation, in der die Mordserie geschehen und so lange unentdeckt bleiben konnte, besonders zu berücksichtigen.

Weiße Rosen vor dem Haus in der Holländischen Straße 82; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski

Schweigeminute vor dem Haus Holländische Straße 82

Anlässlich des Staatsaktes in Berlin zum Gedenken an die Todesopfer der Neonazi-Mordserie war am Donnerstag, 23. Februar, um 12 Uhr auch in Kassel zu einer Schweigeminute aufgerufen worden. 2006 war der Kasseler Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel von der sogenannten Zwickauer Zelle erschossen worden.

Einige der Vertreter des öffentlichen Lebens, unter ihnen Stadtverordnetenvorsteherin Petra Friedrich, hatten sich zur Schweigeminute direkt in der Holländischen Straße in der Höhe des Hauses Nr. 82 versammelt, dem Ort, an dem Halit Yozgat ermordet wurde.

Gedenken vor dem Haus in der Holländischen Straße 82, in dem Halit Yozgat ermordet wurde; © Stadt Kassel; Foto: H. Soremski
Gedenken vor dem Haus in der Holländischen Straße 82, in dem Halit Yozgat ermordet wurde

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Veröffentlicht am:   07. 04. 2016  

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