Weihnachtsansprache 2002 - im Offenen Kanal

24. Dezember 2002


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

nach dem Trubel der Vorweihnachtszeit wird es nun allmählich ruhig.

Weihnachten steht vor der Tür – die stille, heilige Nacht. Unser schönstes Fest bringt Licht in die dunkelste Zeit des Jahres. Und es soll nicht nur äußerlich hell und warm werden, sondern auch in den Herzen. Mich hat deshalb eine Umfrage schockiert, von der vor einigen Wochen in der Zeitung zu lesen war. Danach wissen 39 Prozent der Kinder in Deutschland zwischen sechs und zwölf Jahren nicht, was der Grund für Weihnachten ist. Ich finde: Das darf nicht sein. An Weihnachten wurde Gott in einem jämmerlichen Stall ein Mensch. An der Krippe sammelten sich die armen Hirten genauso wie die reichen Könige aus dem Morgenland. Alle waren und sind gleich angesichts des Wunders der Heiligen Nacht. Es ist eine gute Nachricht, die von Weihnachten ausgeht. Das ist der Grund für all die Lichter und für die Geschenke. Das sollen alle und auch die Kinder wissen.

Meine Damen und Herren, zu dieser Zeit am Jahreswechsel gehört auch eine Rückschau und ein Ausblick. Für uns in Kassel war das Jahr 2002 ein besonderes Jahr. Für 100 Tage waren wir mit der Documenta11 wieder die Weltmetropole der modernen Kunst. Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen: Mit über 650.000 Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt hat die Documenta11 einen neuen Rekord erzielt. Eine solche Rekordzahl ist nicht alles, aber sie zeigt, dass die documenta nichts von Ihrer Attraktivität eingebüßt hat und darüber hinaus ein Wirtschaftsfaktor ist für Kassel: Die documenta ist und bleibt unser Markenzeichen als Stadt von Kunst und Kultur. Und es ist gut, dass Kassel sich auch offiziell als documenta-Stadt bezeichnet. Das ist für uns auch im Blick auf ein anderes Projekt für Kassel von Bedeutung. „Kassel auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2010. Im kommenden Jahr steht die Hauptarbeit für unsere Bewerbung an. Alle sollen wissen, dass Kassel Kunst- und Kulturstadt in der Mitte Deutschlands ist. Wir selbst wollen erkennen, welchen Schatz wir da in unserer Stadt haben. Und wir wollen es weitergeben in Deutschland und über die Grenzen unseres Landes hinaus. Ich sehe allein schon auf dem Weg dorthin allein schon im Bewerbungsverfahren die große Chance, eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen.

Ich setze auf eine breite Bürgerbewegung für Kassel als Kulturhauptstadt Europas 2010. Lassen Sie mich dies noch weit entfernt liegende Ziel verbinden mit einem anderen und leichter erreichbaren - nämlich die gastfreundlichste Stadt Deutschlands zu werden. Das Christival 2002 war in diesem Sinne ein Schritt nach vorn: Ein Großteil der rund 20.000 jungen Menschen konnten in Hallen und Schulen Unterkunft finden. Kassel hat sich als gastfreundlich erwiesen – und wir selbst sind dadurch durch Festivalstimmung und ein von jungen Menschen bestimmtes Stadtbild beschenkt worden. Das bleibt in guter Erinnerung beim Blick zurück auf das zurückliegende Jahr. Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch auf ein vieldiskutiertes Thema eingehen - die Regionalreform. Leider müssen wir dieses Thema diskutieren, weil die Gebietsreform in Kassel in den 70-er Jahren verpasst wurde. Es ist das richtige Ziel, gemeinsam die Möglichkeiten der Region besser zu nutzen. Aber wir machen das nicht um jeden Preis. Einseitige Nachteile für die Stadt Kassel darf es nicht geben. Eine Aufgabe der Kreisfreiheit Kassels und die Eingliederung in den Landkreis ist für uns nicht tragbar, wenn sie den besonderen Interessen des Ballungsraums Kassel nicht ausreichend Rechnung trägt.

Für die Stadt wäre der schwerwiegende Verlust der Kreisfreiheit – ein Ausscheiden aus der Gruppe der großen kreisfreien Städte in Deutschland - nur denkbar, wenn auf der anderen Seite erhebliche Vorteile entstehen. Denn der bisherige Landkreis hätte wegen der größeren Einwohnerzahl in einem Regionalkreis die Mehrheit - er würde also jederzeit die Interessen der Stadt überstimmen können. Die bisherigen Modelle für einen großen Zusammenschluss enthalten leider keine erkennbare Aussicht, der Stadt durchgreifend bei ihren Probleme zu helfen. Das wird insbesondere in Bezug auf das Staatstheater, einen gerechten Finanzausgleich und den Abbau der Verschuldung Kassels deutlich – denn diese Themen bleiben nach diesen Plänen ausdrücklich ausgeklammert in der gemeinsamen Region. Das Oberzentrum Kassel mit seinem breiten und vielfältigen Angebot für die Bürgerinnen und Bürger würde dann auf eine Stufe gestellt mit Gemeinden wie Baunatal oder Schauenburg. Es gibt den Ausdruck „Stadtluft macht frei“ – diese Freiheit wollen wir behalten. Eine aufeinander abgestimmte Entwicklung Kassels und seines Umlandes kann nicht zur Angelegenheit eines Regionalkreises von Bad Karlshafen im Norden bis nach Naumburg im Süden werden. Hier gibt es einfach viel zu viele unterschiedliche Interessen. Aus Sicht der Stadt sollte es demgegenüber darum gehen, dass die Beteiligten und Betroffenen im Kasseler Becken zusammenkommen und gemeinsam handeln. Wir setzen auf eine ganz konkrete sachbezogene Zusammenarbeit – und da hat es in den vergangenen Jahren viel Bewegung gegeben.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang unter anderem an die Fusion der Sparkassen in Stadt und Landkreis, an das gemeinsame Handeln für den Flughafen Kassel-Calden, in der Wirtschaftsförderung, beim Güterverkehrszentrum, für den Ausbau der Regio-Tram sowie aktuell bei der Zusammenlegung der Kfz-Zulassungsstellen von Stadt und Landkreis Kassel. Auch dass die Städte und Gemeinden im Zweckverband Raum Kassel miteinander an einem Tisch sitzen, hat sich in vielen Fällen positiv ausgewirkt. Hieran – und nicht an die Schaffung neuer Bürokratie - müssen wir anknüpfen. Dabei muss die Freiwilligkeit oberstes Prinzip sein, denn Zwangsvereinigungen haben noch nie etwas Positives gebracht. Meine Damen und Herren, Wirtschaftlich war das abgelaufene Jahr kein erfolgreiches Jahr für Deutschland. Unser Land befindet sich in einer schwierigen Phase. Weil uns die Arbeitslosigkeit belastet und die ökonomischen Erwartungen nicht eingetroffen sind, leidet auch unsere Stadt unter großen finanziellen Problemen. Froh sind wir, dass wir im Inneren bislang vor Terroranschlägen verschont blieben. Denken wir aber daran, dass Deutschland sich niemals isolieren darf in der Welt. Deutschland hat keine Sicherheit, wenn es eigene und vor allem einsame Wege geht. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, zu Weihnachten möchte ich wieder all jenen danken, die sich im Jahr 2002 in besonderer Weise für unsere Stadt und ihre Menschen eingesetzt haben - ob in Vereinen und Verbänden, Gruppen und Kirchen, im wirtschaftlichen Bereich oder auf ganz persönliche Weise. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein frohes Weihnachtsfest. Für das neue Jahr 2003 Ihnen und unserer Stadt Kassel alles Gute.


Veröffentlicht am:   25. 02. 2010  


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