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Die Unversität Kassel, Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung, hat das Projekt der Wiedergründung der Unterneustadt wissenschaftlich begleitet. Prof. Christian Kopetzki, als Inhaber des Lehrstuhls für Stadterneuerung und Stadtumbau, war vor allem auch beratend für die Projektentwicklungsgesellschaft tätig und aktives Mitglied der Jury.
Gemeinsam mit dem Projektleiter der Projektetwicklungsgesellschaft, Eckard Jochum, hat er im Jahr 2008 die folgende erste Bilanz gezogen.

Die Wiedergründung der Unterneustadt in Kassel

Einführung in das Projekt, Anlass, Ausgangsbedingungen und Kontext

Um das Besondere des Kasseler Projekts zu verstehen, muss an die Wiederaufbaugeschichte erinnert werden. Nach der nahezu totalen Zerstörung der Innenstadt im Oktober 1943 dauerte es bis 1951 zum Beschluss eines Wiederaufbauplans. Dieser war strukturell so radikal wie in kaum einer anderen deutschen Stadt: Neben überbreiten Straßentrassen über alte Baustrukturen hinweg war vor allem die weitgehende Zusammenfassung der ehemaligen kleinteiligen Einzelgrundstücke zugunsten der Neuordnung und die folgende einheitliche neue Bebauung nach dem Motto "Neue Stadt auf altem Grund" dafür verantwortlich, dass Kassels ehemaliges Altstadtareal ein atypisches Erscheinungsbild darbietet, zumal die Architektur große Ähnlichkeit mit dem Reichsheimstätten-Siedlungsbau hat.

Besonders radikal fiel die Entscheidung für die hochmittelalterliche Unterneustadt auf der östlichen, flacheren Fuldaseite aus: Statt ehemals ca. 250 bebauter Grundstücke präsentierte sich bis zum Projektstart ein kostenloser Großparkplatz, mehrmals im Jahr als Rummelplatz genutzt und der Verkehrsschulgarten, beides getrennt durch die sechsspurig ausgebaute Leipziger Straße.

Die Kasseler Stadtgesellschaft betrauerte einerseits die untergegangene Altstadt, verteidigte andererseits die neue Freifläche bis in die späten 80er Jahre gegen gelegentliche Vorschläge zur baulichen Nutzung, die meistens aus der Hochschule kamen. Für die Befürworter eines Wiederaufbaus kam die Gunst der Stunde mit der Wiedervereinigung: Die Stadt war aus einer Rand- in die Mittellage geraten und erhoffte sich daraus einen Entwicklungsschub, der tatsächlich - wenn auch eher zaghaft - eintrat. Es gab wieder Nachfrage nach qualifiziertem innerstädtischen Wohnraum, weniger nach Büroflächen.

Die Ausgangsbedingungen waren insofern psychologisch durchaus günstig, ökonomisch allerdings eher schwierig, als Kassel - auch in dieser Phase - hoch bis kritisch verschuldet war. Die politische Vorgabe Anfang der 90er fiel von daher klar und eindeutig aus: Planung und Realisierung des Projekts sind nur haushaltsneutral möglich.

Angesichts der oben geschilderten Besonderheiten des Wiederaufbaus des westlichen Teils der Kasseler Innenstadt und einem damit zusammenhängenden starken Verlustgefühl in der Kasseler Bevölkerung, wurde dem späten Wiederaufbauprojekt in der Unterneustadt besonders große Aufmerksamkeit zuteil.

Entwicklung der Planung und Realisierung, kritische Phasen

Ein erster Impuls ging von der Hochschule Anfang 1990 aus. Dessen Kern beinhaltete die Aufforderung an Politik, Wohnungswirtschaft und Fachwelt, die Entscheidung für den späten Wiederaufbau nicht über einen Wettbewerb, sondern in einem breiten politischen Diskurs herbeizuführen. Der sich anschließende "Check" der Realisierungsbedingungen - von der Verlagerungsthematik, der Gründungs-, Überschwemmungs- und Altlastenproblematik bis hin zum flächenhaften Bodendenkmal unter dem Trümmerschutt, das zu respektieren war - brachte ein positives Ergebnis: Auch unter kameralistischem Blickwinkel schien eine Realisierung möglich, bei der die Stadt Kassel aus dem Erlös für den Verkauf der in städtischer Hand befindlichen Grundstücke - ca. 50.000 m2 Nettobauland - die technische Infrastruktur, den Bau einer neuen Fußgänger- und Radfahrerbrücke und die Kosten für die Verlagerung der Kirmes und des Verkehrsschulgartens würde finanzieren können.

Ende 1992 bis Mitte 1993 fand eine Serie von Fachbeiratsveranstaltungen und Workshops statt, in denen die Stadt mit renommierten Experten aus dem In- und Ausland nach einer Leitidee, nach einer Methode für den Wiederaufbau suchte. Dieser Weg eines kreativen Diskussions- und Denkprozesses, in den von Anfang an Politik und Wohnungswirtschaft eingebunden waren, stellte sich als richtig und fruchtbar heraus: Schon in der zweiten Fachbeiratssitzung wurde von der Kritischen Rekonstruktion als dem in Bezug auf Ort und Zeit richtigen Weg, der passenden Methode gesprochen. Der alte, bis ins frühe Mittelalter zurückreichende Stadtgrundriss sollte als Folie für den Wiederaufbau dienen. Straße, Block und möglichst viele und kleine Parzellen sollten die städtische Grundstruktur bilden. Die Mischung der Nutzungen sollte die Lebendigkeit des neuen Quartiers sicherstellen. Damit sollte eine bewusste Antithese zur Kasseler Nachkriegsmoderne die Grundlage des Wiederaufbaus bilden. Das Motto lautete: Nicht Siedlung bauen, sondern Stadt.

Der Weg von den positiven Voruntersuchungsergebnissen und der als tragfähig eingeschätzten Aufbaumethode bis hin zum Grundsatzbeschluss der Kasseler Stadtverordneten im Sommer 1994 dauerte nur etwas mehr als ein Jahr. Viele Veranstaltungen, u.a zum 50sten Jahrestag der Zerstörung der Kasseler Innen- und Unterneustadt in der Brüderkirche, eine denkwürdige Architekturwerkstatt und mehrere öffentliche Hearings und Ausstellungen sorgten für eine positive Aufbruchstimmung im Hinblick auf den überfälligen Wiederaufbau.

Fast zeitgleich mit dem Erscheinen des Fachbeitrages "Wie baut man eine Stadt - Wege zur Unterneustadt" fiel der einstimmige Beschluss der Stadtverordneten für einen Wiederaufbau nach der Methode der Kritischen Rekonstruktion. Damit war das Tor für ein ambitioniertes städtebauliches Projekt im letzten Jahrzehnt des ausgehenden Jahrhunderts aufgestoßen. Allerdings gaben die Stadtverordneten mit ihrem Beschluss den Planern noch Hausaufgaben mit auf den Weg: Zur Präzisierung des Wiederaufbaukonzepts sollte ein Rahmenplan auf der Grundlage des "Manifestes" vom Dezember 1993 erstellt, für die Realisierung und Umsetzung des Projekts eine PPP-Gesellschaft gegründet werden. Beides, den Rahmenplan und die Verträge zur Gesellschaftsgründung, beschlossen die Stadtverordneten noch im November 1994.

Kritisch verlief lediglich die Übertragung der städtischen Grundstücke, die für den Rückbau der Leipziger Straße benötigt wurden. Der Rückbau dieser mit 40.000 PKW-Einheiten belasteten Ausfallstraße Richtung Osten von sechs auf vier Fahrspuren stieß bei Teilen des politischen Establishments und der Öffentlichkeit auf erbitterten Widerstand. Diese Straße trennte nicht nur die beiden Teile des Wiedergründungsprojekts, sondern schon seit Jahrzehnten die beiden Teilbereiche der Unterneustadt. Am Ende obsiegten die städtebaulich stichhaltigen Argumente und die Konsistenz der Verkehrsgutachten. Die Unterstützung von engagierten, von Projekt und Wiederaufbaumethode überzeugten Bürgern trug mit zu diesem Erfolg bei.

Zügig nahm die Projektentwicklungsgesellschaft Unterneustadt mbH (PEG), deren Kern Mitarbeiter des Planungsamtes der Stadt Kassel und der Landesbank Berlin (LBB) bildeten, die Arbeit auf. Insgesamt hatte die PEG drei Gesellschafter: LBB, Kasseler Sparkasse und Stadt Kassel. Zeitgleich entstanden Erschließungs-, Bebauungs- und Parzellenpläne. Die Werbung für den Verkauf der Grundstücke lief an. Die ersten Wettbewerbe - für die neue Fußgänger- und Radfahrerbrücke und die Stadtvillen - wurden vorbereitet, die Ausschreibungen für die Verlagerungen von Kirmes und Verkehrsschulgarten geplant und umgehend baulich in Angriff genommen. 1997 kam es zum ersten Spatenstich bei der ersten Stadtvilla in einem Teilbereich, wo die Erschließung schon vorhanden und gesichert war. 1997 begann auch der Ausbau der technischen Infrastruktur für den übrigen Neubaubereich. Dieser Ausbau konnte innerhalb eines knappen Jahres abgeschlossen werden. Das erste Luftbild vom Sommer 1998 zeigt definitiv den "Point of no return" für das ambitionierte Projekt: Das neue Netz der Baustraßen lässt ein fast vergessenes Straßen- und Platzgebilde aufscheinen. Es ähnelt zum Verwechseln dem Grundriss von 1943.

Akteure, Verfahren, Beteiligungsprozess

Die Kritische Konstruktion und der Rahmenplan erfordern - weil schlüssige Konzeptqualität und versierte, engagierte Realisierung durch die PEG allein natürlich nicht ausreichen - für die erfolgreiche Umsetzung der parzellengestützten Wiedergründung zahlreiche Akteure: Einzelbauherren, Investoren und Wohnungsbaugesellschaften. Sie werden Stadtgründer genannt und haben - je nach Parzellengröße und Lage im Quartier - neben eigenen Interessen ganz unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen, entsprechend den verbindlichen Maßgaben des ausdifferenzierten Rahmenplans.

In diesem werden die einzelnen Parzellen in Blöcke zusammengefasst und nach Vergabeverfahren, Art und Maß der Nutzung, Geschossigkeit, Anzahl der Wohneinheiten etc. beschrieben und unterschieden. Entsprechend werden sie, entweder parzellen- oder blockweise, einer bestimmten Art bzw. Gruppe von Stadtgründern, d.h. einer Zielgruppe, zugeordnet. Auf der Basis des von der PEG aufgestellten Wirtschaftsplanes sind für alle Parzellen Verkaufspreise ermittelt worden. Die Auswahl der Erwerber für den Verkauf der Grundstücke erfolgt nicht nach Höchstpreisgebot, sondern nach der Qualität der Entwürfe und der Nähe zum Rahmenplankonzept. Die von der PEG einberufene Jury berät Bauherren und Architekten. Das erfreuliche Ergebnis, auch wenn Architekturqualität nicht zu den Oberzielen der Wiedergründung gehörte, ist offenkundig. (siehe 1. Architekturführer, Projektentwicklungsgesellschaft Unterneustadt, Kassel 2002)

Das Forum Unterneustadt, neu geschaffenes Gremium der Bürgerbeteiligung für dieses Projekt, ist zeitgleich mit der Gründung der PEG entstanden. Man kann seine Existenz auch im Nachhinein nur als "Geschenk" begrüßen und begreifen. Bis heute berät es die Stadt Kassel und die Projektentwicklungsgesellschaft und hat sich, ganz besonders in den kritischen Phasen der Entwicklung, konstruktiv eingemischt. Dies gilt auch für den Fachbeirat, der mit seiner Autorität das Projekt mehrmals in schwierigen Phasen "auf Kurs" gehalten hat. So etwa als es zwischen den Planern von der Stadt und den Grundstücksentwicklern von der LBB zu Konflikten über die Größe der Parzellen, das Tempo der Realisierung und nicht zuletzt die Auswahl der Baupartner kam.

Größenordung der Projektkosten und ihre Finanzierung

Geraume Zeit vor der Gründung der PEG lag für das Projekt eine stadtwirtschaftliche Kalkulation vor, bei der Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen waren. Zum Zeitpunkt des Beschlusses der Kasseler Stadtverordneten 1994 lag diese Kalkulation bei 27 Mio. DM. In ihr waren im wesentlichen Baukosten enthalten, u. a. für die neue Brücke, die Erschließung, die Verlagerungen und den Umbau der Leipziger Straße. Beim Start der PEG lag die Kalkulation dann bei rund 35 Mio. DM, wobei die Erhöhung den Prozess- und Personalkosten im Rahmen einer PPP-Realisierung geschuldet war. Nach dem für 2010 vorgesehenen "planmäßigen" Ende der Gesellschaft und der inzwischen erfolgten Umstellung auf Euro wird es einen gewissen Zu- bzw. Nachschussbedarf auf Seiten der Stadt Kassel geben. Dieser Bedarf wird jedoch nur wenige Prozentpunkte der Gesamtinvestitionen ausmachen.

Das der PEG mit den schon angeführten Beschlüssen der Stadtverordneten überlassene Grundstück hat mit rund 25 Mio. DM bzw. 12,5 Mio. Euro den größten Teil der Finanzierung gedeckt. Die noch fehlenden Mittel zur Deckung der Gesamtkosten kommen aus dem Ziel-2 Programm der EU bzw. sind FAG - und Sonderplanungsmittel des Landes Hessen.

Der nach Ende der Gesellschaft eintretenden Nachschusspflicht auf der Basis einer Patronatserklärung der Kasseler Stadtverordnetenversammlung wird aus dem kommunalen Haushalt nachgekommen. Eine über Kameralistik und Bilanz der PEG hinausgehende stadtwirtschaftliche Gesamtkalkulation nach Projektabschluss steht für das Projekt Unterneustadt noch aus. Der Nachweis, dass sich Stadtentwicklung als Innenentwicklung durchaus rechnet, muss noch geführt werden.

Absehbare zukünftige Entwicklungen

Ob und inwieweit die komplexen Ziele, die mit der Wiedergründung insgesamt verbunden waren - Wiederentdeckung des Flusses, urbane Vielfalt, Linderung der mit dem Ausbau der Leipziger Straße verbundenen Trennwirkung u. v. a. m. - alle und in vollem Umfang erreicht wurden, kann auch zu einem Zeitpunkt, da sich das Projekt im Hinblick auf die Bauaktivitäten auf der Zielgeraden befindet, nicht abschließend beantwortet werden. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die neue Unterneustadt mit ihrer "traumhaften" Lage, ihrem guten Mix an Nutzungen und der gezielt herbeigeführten sozialen Mischung - erreicht durch einen gelungenen Mix an öffentlich geförderten und frei finanzierten Miet- bzw. Eigentumswohnungen - gut wird bestehen können innerhalb der Stadtteilkonkurrenz. 262 öffentlich geförderten stehen 210 privat finanzierte Wohnungen gegenüber. Der erreichte Nutzungsmix liegt, wie angestrebt, bei ca. 2/3 Wohnen und 1/3 Handel, Dienstleistung und Gewerbe.

Wohnungsinteressenten, in welchem Segment auch immer, müssen sich gedulden und häufig erst einmal auf Wartelisten "Platz nehmen". Der neue Wohnstandort wird sich mit Sicherheit, wie schon in den vergangenen Jahren, für Rückzügler aus der Region als besonders anziehend und attraktiv erweisen, ein Tatbestand, der unter dem Aspekt der langfristigen Stadtwirtschaftlichkeit von großem Interesse ist.

Die Tradition der Unterneustadt als Standort diverser sozialer Einrichtungen lebt fort in einer KITA. Sie wird vom selben Verein getragen, der bis zur Kriegszerstörung das dortige Waisenhaus geführt hat. Darüber hinaus gibt es am Holzmarkt heute die nach zeitgemäßen Erkenntnissen konzipierte Sozialstation für Demenzerkrankte. Eigentlich sollte das nicht alles sein. Ob es gelingen wird, den letzten freien Bauplatz am Unterneustädter Kirchplatz - wie nach der Rahmenplanung präferiert - mit einer weiteren sozialen Nutzung zu entwickeln, ist zur Zeit noch offen.

Einschätzung der innovativen Beiträge und kritische Positionen

Der Ansatz, die Methode für den Wiederaufbau der Unterneustadt diskursiv zu entwickeln statt mit einem städtebaulichen Wettbewerb, hatte nicht nur Freunde. In der Nachbetrachtung hat sich dieser intensive Dialog am Projektbeginn jedoch sehr bewährt, weil die Ergebnisse des Planungs- und Realisierungsprozesses breit mitgetragen werden und ganz überwiegend bei Nutzern, Bewohnern und in der Fachwelt auf Anerkennung stoßen. Das gilt auch, obwohl im Verlauf des Projekts eine Reihe von Abstrichen am Konzept vorgenommen und durchaus schmerzliche Kompromisse geschlossen werden mussten.

Dennoch sind - neben dem Verfahrens- und Beteiligungsmodell - eine ganze Reihe innovativer Beiträge erwähnenswert. Hierzu gehört u. a. der kleine Teilbereich "Wohnen ohne Auto" mit seinen 62 Wohneinheiten. Das erste "autofreie" Wohnquartier in Kassel funktioniert, auch wenn es einige "schwarze Schafe" gibt. Das flächenhafte Bodendenkmal machte - neben dem kleinen autofreien Quartier - zahlreiche innovative Parkierungslösungen notwendig, die jedoch nur teilweise und punktuell zum Einsatz kamen. Insgesamt gibt es, muss selbstkritisch angemerkt werden, zu viele unbefriedigende Parterrelösungen für den ruhenden Verkehr, sogar in ausgesprochen kritischen, flussnahen Lagen. Dadurch wird die urbane Qualität spürbar eingeschränkt.

Städtebauliche Rahmen- und Zielkonzepte, deren Umsetzung sich zum Teil über Jahrzehnte erstreckt - in denen sich wiederum die Betrachtungsweisen etc. verändern - können auch unter günstigsten Bedingungen nicht 1 zu 1 umgesetzt werden. So ist das auch hier. Auch wenn das Projekt, früh "geadelt" durch die EXPO-Beteiligung, hoch gelobt 2002 mit dem Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises für den Mut, eine große, stark belastete Ausfallstraße in ihrer Dimension aus städtebaulichen Gründen zu reduzieren, erneut ausgezeichnet 2002 mit dem DIFA-AWARD und nicht zuletzt prämiert mit dem "traffic design award" für die gelungene neue Fußgängerbrücke, mit viel Elan durchstartet, bleiben zum einen noch ungelöste, schwierige Aufgaben zum Projektende und natürlich auch Defizite und durchaus unerfüllte Erwartungen. So wird es zwar gelingen, den ovalen, barocken Kirchplatz als Pendant zum runden Königsplatz auf der anderen Seite der Fulda städtebaulich wieder herzustellen und der Stadt zurückzugeben. Aber die dort entstandene Architektur bleibt in Teilen weit hinter der für diesen Ort zu erwartenden Qualität zurück. Auch die kleinteilige Parzellierung konnte hier nicht realisiert werden. So musste z. B. der größte Baublock am Kirchplatz, der im Rahmenplan noch für sieben Eigentümer vorgesehen war, nach zehnjährigen vergeblichen Bemühungen "am Stück" an einen Investor veräußert werden. Immerhin ist es gelungen, das dort errichtete Callcenter mit dem ursprünglich intendierten architektonischen Anspruch zu realisieren.

Ein wesentlicher Grund für die langsamere als vorgesehene Entwicklung und für manche Kompromisse lag in der Gleichzeitigkeit zweier von der Größenordnung und inhaltlichen Ausrichtung her ähnlicher Projekte: Neben der Unterneustadt wurde das im Stadtteil Wilhelmshöhe, neben dem ICE-Bahnhof gelegene Stadtquartier "Marbachshöhe" entwickelt - eine bundesweit modellhafte Kasernenkonversion mit ca. 600 Wohneinheiten. Das dort fündig gewordene "Stadtgründerpotential" hätte teilweise auch für die Unterneustadt gepasst. Da der "Wiedervereinigungsboom" bereits ca. 1996/97 zum Erliegen kam und die Kasseler Wohnbevölkerung seither stetig leicht zurückgeht, war die gleichzeitige Durchführung - zu der es letztlich keine Alternative gab - eine große Herausforderung und Belastung für alle Beteiligten.

Ebenfalls von der Hochschule mit angestoßen gibt es nach jahrelanger Zurückhaltung jetzt erste vorsichtige Überlegungen auch bei der Stadt Kassel, Teile der wieder aufgebauten "Altstadt" nach ähnlichen Prinzipien, wie sie bei der Unterneustadt zur Anwendung kamen, umzugestalten. Dieser methodische "Re-Import" könnte der urbanen Qualität der Kasseler Innenstadt ähnlich gut tun, wie die seit den 80er Jahren erfolgten Korrekturen am Verkehrssystem der "autogerechten" Wiederaufbaustadt, z. B. durch Aufgabe der Fußgängerunterführungen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Beispielwirkung des Unterneustadtprojekts stark genug ist, auch schwierige Maßnahmen zu einer partiellen Restrukturierung der "Siedlungs-Innenstadt" anzugehen und zu bewältigen.

Stand 30.9.2008

Veröffentlicht am:   18. 10. 2011