Ampelsteuerung in Kassel wird fit für die Zukunft gemacht

; © Stadt Kassel; Foto: Ingo Happel-Emrich
Die Stadt Kassel investiert 1,6 Millionen Euro in den Ausbau ihrer Verkehrssteuerungs-Infrastruktur in der Innenstadt (im Bild die Rathaus-Kreuzung). Sie schafft damit die Voraussetzungen für die Nutzung moderner Fahrassistenz-Systeme. Autofahrer können über diese Systeme zum Beispiel die Information erhalten, wann sie an der nächsten Ampel „Rot“ oder „Grün“ haben werden. Das Ziel: Den Verkehr effizienter und stadtverträglicher machen. (Foto: Ingo Happel-Emrich/Stadt Kassel)

 

Die Stadt Kassel schafft die Voraussetzungen für einen besseren Verkehrsfluss und für energieeffizientes Autofahren in dem vorhandenen, verkehrsabhängig gesteuerten Straßennetz. In den nächsten zwei bis drei Jahren investiert die Stadt dafür rund 1,6 Millionen Euro in moderne Kommunikationstechnik und die Vernetzung der Verkehrssteuerungs-Anlagen entlang des Innenstadtrings und der Achse Friedrich-Ebert-Straße und Goethestraße. Konkret geht es darum, die Anlagen für den Einsatz moderner Fahrassistenz-Systeme vorzubereiten und mit entsprechenden Datenleitungen untereinander zu vernetzen. „Die Verbesserung der Verkehrsflüsse durch Kommunikation zwischen Autos und Ampeln ist eines der großen verkehrstechnischen Themen der nächsten zehn bis zwölf Jahre“, erklärt Stadtbaurat und Verkehrsdezernent Christof Nolda. „Kassel ist eine der ersten Städte in Deutschland, die damit beginnt, ihre Verkehrssteuerungs-Technik dafür vorzubereiten.“ 

Fahrassistenz-Systemen können dazu beitragen, den Verkehrsfluss in der Stadt zu optimieren und energieeffizienter zu gestalten. Autofahrer können über diese Systeme zum Beispiel die Information erhalten, wann sie an der nächsten Ampel „Rot“ oder „Grün“ haben werden. Der Autofahrer kann sein Fahrverhalten dann so anpassen, dass er nicht unnötig bremsen und wieder beschleunigen muss. „Umweltschädliche Emissionen wie Schadstoffe und Lärm werden dadurch reduziert“, erklärt Stadtbaurat Nolda. Durch den Einsatz von Verkehrs-Telematik lasse sich die Zahl der Haltevorgänge um bis zu zehn Prozent reduzieren. Diesen Wert konnte die TU München durch Simulationsstudien im Rahmen des Pilotprojektes Ur:ban bestätigen, an dem auch die Stadt Kassel beteiligt war. Für den einzelnen Autofahrer werde das im Alltag zwar wenig spürbar sein, in der Summe bewirke dies aber ein enormes Einsparpotential bei den verkehrsbedingten Luftschadstoffen (vergleiche Ur:ban-Leitfaden der TU München, Link unten).

Eine virtuelle grüne Welle entsteht

Vorgesehen ist dies in den Abschnitten Stern-Altmarkt, Altmarkt-Rathaus und Rathaus-Ständeplatz sowie Goethestraße/Friedrich-Ebert-Straße. Hier soll in den nächsten drei Jahren Forschungswissen in die Praxis umgesetzt werden, damit die Kasseler Bürger auch von den Möglichkeiten der neuen Technologien profitieren können. Die Ampeln werden um spezielle WLAN-Hotspots (nur nutzbar für die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur) ergänzt und mit der dafür notwendigen Software erweitert. Außerdem wird die Kommunikation der Ampeln mit der Verkehrszentrale durch Lichtwellenleiter (LWL) breitbandig ausgebaut.

Dies ermöglicht dann, einen sogenannten Ampelphasenassistenten nutzen zu können. Dabei werden die erwarteten Grünzeiten der Lichtsignalanlagen so im Fahrzeug angezeigt, dass der Autofahrer seine Geschwindigkeit anpassen und eine Art „virtuelle Grüne Welle“ entstehen kann. Durch die Kooperation von Technik und Verkehrsteilnehmern wird so energieeffizientes Fahren auch im Kasseler Netz – trotz der ungünstigen Geometrie – erleichtert.

Außerdem sollen die notwendigen Freigabezeiten für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) noch passgenauer geschaltet werden. Dadurch sollen ohne Verlust der ÖPNV-Beschleunigung wieder etwas mehr Freigabezeiten für Kfz-, Rad- und Fußgänger­verkehr ermöglicht werden. Dafür muss man besser als heute vorhersagen, zu welchem Zeitpunkt ein Bus oder eine Straßenbahn eine Ampel passieren wird. Die vorhandene ÖPNV-Beschleunigung wird dabei zu einer „intelligenten kooperativen Beschleunigung“ ausgebaut. Auch dem Bus beziehungsweise der Straßenbahn wird dabei durch entsprechende breitbandige Kommunikationskanäle der optimale Abfahrzeitpunkt an der Haltestelle und die passgenaue Geschwindigkeit mitgeteilt, mit der die Freigabezeit an der nächsten Kreuzung zu erreicht wird.

Hierbei ist ein sorgfältiges Vorgehen wichtiger als ein schneller Erfolg. Die Stadt möchte von Anfang an eine hohe Akzeptanz der Nutzer erreichen. Nur dann sind die gesetzten Umweltziele auch erreichbar.

Die technische Machbarkeit dieses Fahrassistenz-Systems wurde im vergangenen Jahr von der Universität Kassel in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Kassel demonstriert. Als Teil des Forschungsprojektes UR:BAN hat das Fachgebiet Verkehrstechnik und Transportlogistik der Universität Kassel einen sogenannten Ampelphasen-Assistenten entworfen. Dieser signalisiert dem Autofahrer frühzeitig, ob bzw. wann er an der nächsten Ampel auf „Rot“ oder „Grün“ treffen wird. Mit den notwendigen Daten versorgt wird der Ampelphasen-Assistent über das in den vergangenen Jahren neu aufgebaute Verkehrsmanagement-System der Stadt Kassel. Der Datenaustausch erfolgt über den Mobilfunk, der Prototyp einer Smartphone-App wurde an der Universität Kassel bereits getestet.

Nun geht es darum,

  • die Voraussetzungen für die erforderliche Kommunikation zu schaffen(Lichtwellenleiter, Netzwerktechnologie, spezielle WLAN-Kommunikationspunkte) damit Fahrzeuge mit der Infrastruktur „reden“ können,
  • die Prognose für die verkehrsabhängige Steuerung (Stichwort ÖPNV-Beschleunigung) weiter zu verbessern, d.h. den Freigabezeitbedarf bei gleicher Beschleunigungswirkung weiter zu verringern) und
  • die erfolgreich demonstrierte Lösung in die Praxis zu überführen
    (Antrag zur Pilotförderung ist ergänzend zu KIP bei der Europäischen Union eingereicht).

 

Ur:ban-Projekte in Kassel und der Leitfaden

Veröffentlicht am:   04. 07. 2016  


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